Stan Back
In der Hölle sonnen

(Episode aus: Schriften aus der Hölle)

Die Personen:

- Heiner Müller (der linke Theatermann des Fragments, der Montage und der Überschreibung von Klassikern)

- Christoph Maria Schlingensief (der christlich-messianische Bürgerschreck)

- Stanley Back (der ideale, weil tote Künstler)

- gelegentliche Einspielungen von Radiohack und Diktiergerät

Abstract:

Ein aktueller Witz über den Eintritt eines Gestorbenen in die Hölle dient als Einstiegsanekdote. Stanley Back und Heiner Müller erfahren über Radio Hellsound, dass Christoph Schlingensief gestorben ist; sofort setzen sie sich dafür ein, dass er in den atheistischen Teil der Hölle kommt.

Die Drei sitzen nun an einer Theke in der Hölle und sprechen über die falsche Kunst für das falsche Publikum in einer falschen Welt.

1. Ankunft – der Witz

Ziemlich guter Empfang hier unten. Gerade meldet Radio Hellsound den Tod des Film- und Theaterregisseurs Christoph Schlingensief. Elfriede Jelinek wird zitiert: »Er war der größte Künstler aller Zeiten.«

Den werden sie auf glühenden Kohlen schmoren, meint Heiner Müller mit einem tiefen Zug an seiner Zigarre, und bläst eine riesige Wolke aus, in die sich die Worte schmunzelnd einnisten.

Aber wir können was unternehmen, wirft Stanley Back schon zum Höllentor losgehend ein.

Gerade rechtzeitig am Höllenportal: Der Wächter liest Schlingensief seine Vergehen vor, und es gibt keine Hoffnung, dem christlichen Gericht zu entkommen: denn fortgesetzte Gotteslästerung – und das auch noch auf der Theaterbühne und mit Multimedia in alle Welt reproduziert – hat zweifellos ewige Höllenqualen zur Folge. Richtig, der arme Theatermann völlig geknickt, mit angeklatschten Haaren und von tiefen Kummerfalten entstellt, soll auf glühenden Kohlen schmoren.

Mit erstickter Stimme versucht Schlingensief sich gerade zu verteidigen, dass er schließlich mit den elend langen Leiden des Krebstodes schon genug bestraft sei. Noch bevor der Wächter ihn jedoch mit einem Tritt in das höllenheiße Portal befördern kann, intervenieren Müller und Back. Sie nehmen ihn zwischen sich mit in IHREN Teil der Hölle: Willkommen im Club der Höllen-Dichter.

Geblendet von gleißendem Licht, glaubt Schlingensief auf eine Bühne zu treten; doch er kann es nicht fassen: Ein weißer Strand liegt vor ihm, Menschen aus aller Herren Länder sonnen sich, spielen Beachvolleyball, tanzen johlend, schwimmen oder sitzen, Caipis schlürfend, in Strandbars und lesen sich gegenseitig vor. Überwältigt von diesem Kunstfreizeitidyll geht Schlingensief plötzlich völlig befreit von den Erdenqualen zum glasklaren Wasser, schwimmt einige Runden und schlendert den Strand auf und ab. Später trifft er – nun wieder mit hoch toupierten Haaren – auf Müller und Back in einer Strandbar.

CS: Das ist ja unbeschreiblich hier, wenn ich das früher gewusst hätte… wie eine grandiose Kombination von endloser Theateraufführung und Gelage. Ich war so erschrocken, als ich starb: nichts gab es mehr, nur Schwarz. Bis ihr mich geholt habt.

SB: Du bist hier in der Kultur-Hölle gelandet. Alles, was du siehst, ist reine Projektion. Nur Vorstellung. Jede/r erlebt etwas anders, und doch sind wir im gleichen Stadium des Nichts.

Man plaudert über die letzten Jahre, resümiert die politischen Ereignisse, bis Schlingensief sich irgendwann traut zu fragen:

CS: Habt ihr das gesehen? Was ist denn da hinter dieser großen Düne? Da werden Menschen auf Rosten gegrillt und mit glühenden Eisenstangen gequält. Kommen wir da später auch hin?

(HM) Ach das, meint Müller, sich mit einem notorischen Zug an der Zigarre umwendend, nö, das ist nur für die Christen, die wollen das so – bis in alle Ewigkeit werden sie gequält. Wenn wir dich nicht abgefangen hätten, wärst du auch da gelandet. Das hast du deinen kläglichen Inszenierungen »Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir« und »Mea culpa« zu verdanken. Du musst nicht denken, dass die hier nicht deine Stücke kennen. Das war nichts als Gotteslästerung, weil du einen Gottesdienst für dich selbst gehalten hast.

CS: Dann habt ihr mich davor gerettet, in der Hölle zu schmoren?

HM: Ja, obwohl du dich selbst auf der Bühne als Jesus-Christus mit allem Brimborium inszeniert hast, haben wir dich rüber geholt.

CS: Ich habe es als Beleidigung empfunden, dass da plötzlich klammheimlich der Krebs versuchte, mich abzuschalten. Ich dachte immer, ich bin eigentlich eine liebenswürdige Person.

HM: Ja, aber in deine Ministrantenzeit zu regredieren, komm schon. Wenn das Ziel des Künstlers ist, von allen geliebt zu werden, dann hast du das ja geschafft. Aber was kam dann?

CS: Vielleicht war ich vom Humor des Größenwahns befallen? Ja, und ich wollte mein Scheitern vorführen.

SB: Nichts für ungut, aber diese „Schlagt mich doch ans Kreuz“-Nummer war doch wirklich nicht nötig. Die andern hier sind genervt von unseren Debatten über Kunst und Kultur. Du bist ein extrem netter Zeitgenosse. Da bist du uns als Gesprächspartner für die Ewigkeit sehr willkommen.

HM: Ich finde Atheisten genauso abwegig wie Gläubige, weil sie oft noch mehr über Gott reden.

CS: Meint ihr, dass ich am Ende meine früheren Provokationen zu kompensieren versucht und deshalb christlich klein bei gegeben habe?

SB: Klar Mann. Du wurdest dialektischer Bestandteil der traditionellen Hochkultur – ok, nie ein Gauche-Kaviar, aber ein herrschaftlicher Prediger vor dem Herrn. Eben ein christlicher Bourgeois. Damit hast du alles, was du vorher gemacht hast, durch den Kakao gezogen.

HM: Mein Hauptpunkt ist, dass ich Schriftsteller bin, und das ist meine eigentliche Existenz.

2. Künstler-Obsession

SB: Harald Schmidt gratuliert dir in der „Zeit“ nachträglich, dass du deinen Pfarrer auch für deine Hochzeit genommen hast. Das ist Spott für den Christenscheiß, den du aufgeführt hast, auf höchstem Niveau.

CS: Die Überdehnung der Dunkelphasen, das war mein Ziel. Die Dinge rausholen aus dem Licht.

SB: Denkst du, das sei jugendkulturell konsumierbar? Das würde einem kulturellen Anti-Paradigma gleichkommen.

HM: Weißt du, von hier aus sieht das alles etwas anders aus, was auf der Welt so passiert. Nach wie vor ist der christliche Mythos vom Pop-Rebellen, der sich existenziell verzehrt, das Parademodell kulturindustrieller Exploitation – für ihn zerreißen sich die Kulturmanager genauso wie die Fans. Da hast du mit deiner Obsession halt bestens reingepasst, Christoph. Deine Fans werden schon ein neues Projektionsziel finden.

CS: Aber mir ging es doch um das Aufbrechen von diesen hierarchischen Kulturinstitutionen.

SB: Ja, aber alles lief hierarchisch unter deiner Regie.

HM: Der Künstler ist immer Reflex seiner soziokulturellen Verhältnisse. Dabei versuchte ich, mir selbst so fremd wie möglich zu sein.

CS: Genau, die Chance zum Untergang nutzen.

SB: Weshalb redet ihr nur über Theater und Opern? Das ist der Erstickungstod in Bürgerscheiße. Nachdem Zadek in den späten 80ern schon die Einstürzenden Neubauten engagiert hatte, die zuerst von der Punk-Kaschemme auf die Rockbühne und dann aufs Theater wechselten, versinkt darin gerade eine weitere Welle von Ex-Punkmusikern.

CS: Im Theater findet sich doch das kulturelle Gedächtnis einer ganzen Kultur und deshalb auch das größte Provokationspotenzial.

SB: Die Oper wie das Theater reproduzieren sich im Spektakel und seiner Bürokratie selbst. Eigentlich haben sie hinsichtlich Zeitdehnung nichts der Performance der 80er Jahre und hinsichtlich Provokation erst recht nichts dem Orgien-Mysterien-Theater hinzugefügt. Während die Punk-Diva Blixa Bargeld schon 1986 wusste, dass ihr Ego nur auf solchen Bühnen entsprechend gefüttert werden kann, war Theater längst nur noch ein Erweckungsort für Deutsch-Leistungskurse. Auch Punk hat sich mit der herrschenden Mentalität arrangiert. Das wahre Leben findet heute in der Hölle statt.

HM: Willst du sagen, dass das Theater die zum Zynismus verkommene Verzweiflungsgeste eines falschen Popstars bleibt?

SB: Ja – du redest wie der Papst –, eben „falsch“ im Sinne von: dort im falschen Kulturraum. Eben das Kultur-Gewichse einer christlich geprägten Leidens-, Märtyrer- und Todeskultur: Erst wird der Held idealisiert, dann ans Kreuz geschlagen. Lüge.

HM: Das ist eine sehr erfolgreiche Ökonomie. Gerade kämpfen diese beiden strukturell sehr vergleichbaren, patriarchalen Religionen, Christentum und Islam, um ihr Überleben in einer neuen schönen Welt, in der es nun mehr um segmentierten Konsum der Glaubenselemente im multimedialen Fan-tum geht.

CS: Mein Stück „Mission“ in Hamburg war der Anfang dieser Bewegung.

SB: Nein, „Mission“ war ein pseudopolitisches Theaterstück, das, standby vom Flüstertüten-Regisseur inszeniert, vage entglitt. Das fand die Kulturjournaillie aktivistisch appealing. Doch wo war zwei, drei Jahre später der politische Effekt beispielsweise für Obdachlose vor Ort?

HM: Ist das nicht symptomatisch für ein verändertes Publikums? Weil es keine Klassenspezifik in der Kultur mehr gibt wie zur Zeit der klassischen Avantgarde?

SB: Ich bin schon früher in die Hölle gegangen, weil ich genau das merkte, dass meine Zeit abgelaufen war. Im Gegensatz zu PR und Maoismus war meine Strategie Komplexitätsmaximierung, um eine Aneignung durch das Verwertungssystem zu verhindern. Mit diesem kunstkritischen Ansatz habe ich mich schließlich selbst marginalisiert, denn der herrschende Code war die Selbsteinschließung durch die Inszenierung von Einladungsstrukturen. Die Fähigkeit der Künstler, sich selbst zu vermarkten und mittels Facebook Manager von „sozialen“ Inhalten zu werden, ließ Feinheiten der Form oder des Ausdrucks immer unbedeutender werden. So wurden die erfolgreichen KünstlerInnen zum Hohlspiegel des Neoliberalismus. Gefördert von KulturarbeiterInnen, die ihr Ego-Image gern in diesem Hohlspiegel verdoppeln.

CS: Aber dann würde es ja gar keine künstlerische Authentizität oder Obsession geben.

SB: Zumindest nicht im ontologischen Sinn; beides wurde zu rhetorischen Figuren des Feuilletons. Es konnte gar nicht darum gehen, ob ein Künstler eine Obsession hat oder authentisch ist, was auch immer das gerade sein sollte, – denn es gibt zu viele rationale Gründe, kein Künstler zu werden oder zu sein, wenn man ein politisches Interesse hat –, sondern darum, welchen Stil und welchen Geschmack er provoziert mit der Darstellung und der Strategie für seine Obsession. Wie der Scheiß produktiv wird, das ist der Punkt.

HM: Der Mensch ist etwas, in das man hineinschießt, bis der Mensch aufsteht aus den Trümmern des Menschen.

3. Das Künstler-Selbst als Verschleißteil

HM: Hast du eigentlich nie gemerkt, dass du zum Verschleißteil des Spektakels wurdest, Christoph?

CS: Wieso ich? Wieso ausgerechnet ich?

SB: Das fragen sich alle, auch diejenigen, die ihren eigenen künstlerischen Weg jenseits des ökonomischen Mainstreams einschlagen. Aber genau das ist das Problem der Kunst: die totale megalomane Ich-Bezogenheit. Dass ausgerechnet sie nicht erwählt werden, niemand Interesse für ihre ausgefallene Praxis aufbringt. Subversive Aktionen der Vergangenheit werden idealisiert und verklärt, doch vor wirklich anderen zeitgenössischen Strategien hat man keinen Respekt.

CS: Allein in diesen Tunnel des Todes rein, davor hatte ich Angst.

HM: Davor haben alle Angst. Ist aber kein Tunnel. Ist nur die totale Schwärze des Nichts. Das zu Kritisierende muss selbst zur Strategie werden; das ist die Methode, um das Regime mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Das Problem ist bloß, dass man dann irgendwann keine Differenz mehr findet zwischen Subversion und subversiver Erfolgsstrategie eines Managers.

SB: Der Künstler oder die Künstlerin sind zum Verschleißteil geworden; auch die Tendenz, immer Jüngere zu verheizen, und dann die am authentischsten Aufgeladenen zu kaufen, bedeutet, sie zur Hölle zu jagen. Man behandelt, sammelt, stellt aus und hofiert sie wie exotische Tierchen, die ganz handzahm Arsch oder Möse lecken, wenn man sie nett bezahlt. Sie sind ein aufgezogenes Kulturgadget. Sonst nichts. Das finden viele echt geil; das ist aber das Ergebnis aus dem großen Missverständnis der Pop-Kultur, des Exotismus am Rockhelden als Märtyrer. Die daran beteiligten KulturarbeiterInnen merken oft gar nicht, dass sie durch ihre bedingungslose Unterstützung den Verschleiß oder gar den Tod dieser Figuren mit beschleunigen. Es ist halt ein Todeskult.

CS: Wolltest du denn nicht, dass deine Stücke aufgeführt oder deine Bilder ausgestellt werden?

SB: Natürlich. Ich wollte sogar, dass meine Kunstkritiken und Essays als Theaterstücke aufgeführt oder gar als Hollywood-Autoren-Spielfilme inszeniert werden. Aber ich fragte mich, muss ich das System gut finden, damit ich als Kultur-Held reüssieren kann? Und: Wie vielen muss ich in den Arsch kriechen, damit meine Bilder schließlich zu heroischen Leistungen hoch gelobt werden? Das ist die unbeantwortete Frage nach Demokratie im Kulturbetrieb. Und das ist auch die Barbarei, die in jedem Kulturprodukt steckt.

CS: Ok, Rainald Goetz zog die Konsequenzen: Er wechselte von der Realismus-Analyse zum affirmativen Kulturindustrie-Rekorder. Das ist dann „losgelabert“, aber den „trash für Alle“ kauft das Publikum gern bei großen Verlagen, anstatt es frei im Internet zu lesen.

HM: Die 2000er Jahre sind durch eine politische Ausnahmesituation charakterisiert: Eine politische Klasse, deren Ehrgeiz momentan darin besteht, die Arbeiter um ihre Pensionen, Arbeitslosen- und Sozialversicherungen zu bringen, während sie ihnen zugleich einredet, dass der sinnlose Afghanistan-Krieg nichts mit unserer nationalen Ökonomie zu tun hat, wird diesen Arbeitern bestimmt nicht helfen. Die großen Massen sind dafür letztlich genauso verantwortlich. Ohne historisches Gedächtnis, ohne Verständnis dafür, was ihnen angetan wird, akzeptieren sie ohne Protest das Auseinanderklaffen der Einkommensunterschiede und ihre zunehmende Verarmung; sie lassen sich leicht von Spezialinteressen und den prinzipienlosen Opportunisten manipulieren, die in ihren Wahlkreisen kandidieren, und sie in ihren Zeitungen und TV-Sendern für dumm verkaufen.

CS: Die Merkel bekommt ja gar nicht mit, was in diesem Land abgeht. Als wir mit der Biennale-Jury in ihrem Zimmerchen waren, hatte sie nur Angst, dass man ihre Gemälde anfasst. Angela Merkel ist der vermeintlich bessere, weil weibliche und multikulturelle Helmut Kohl.

HM: Sie macht es vor: Im Spektakel-Regime geht es darum, dass du deinen eigenen Diskurs erfindest. Zur Unterstützung benötigst du gute Leute, die den Diskurs multiplizieren. Dadurch wird dein Diskurs wahr.

CS: Mich interessiert das Paar „Tradition und Rebellion“ auf dem Theater.

SB: Zu glauben, dass die totale Entleerung und Aushöhlung des Theaters seine Enthüllung als Machtmaschine bedeutet, ist doch völlig naiv und idiotisch. Die wird als Schwanzverlängerung der Kultur nur bestärkt. Eine transgressive Geste gebiert den Innovationsimpuls des Theaters – wird ein wunderbares App auf dem iPhone.

HM: Christoph, deine permanente Logorrhö-Performance erinnert an Beuys. Der hat auch nie Luft geholt. Und nicht geschrieben, sondern nur gezeichnet als Engel des Affekts. Hast Du schon gelesen: Nach Deinem Tod wirst Du nun Land auf Land ab in großen Ausstellungen gefeiert. Zunächst glaubt man als populärer Künstler im Namen des Volkes zu sprechen, dann will man Kritik üben und investigativen Journalismus fördern. Schließlich schielt man auf Einschaltquoten und begründet Qualität mit langen Schlangen vor den Eingängen und Besucherrekorden. Niemand fällt dabei die Verlogenheit auf, denn wenn man davon ausgeht, dass heute die hohen Einschaltquoten und Besucherrekorde nur durch gezielte Propaganda/PR zustande kommen, kann man diese nicht als Qualitätsbegründung nehmen. Und wenn man sich zunächst durch die Bildzeitung, die sich seit neuestem mit dem Begriff „investigativ“ schmückt, berühmt machen lässt, braucht man später noch Freunde, bei denen man sich ausheulen kann, wenn sie einen hat fallen lassen.

SB: Eine grundsätzliche Verfahrensfrage ist doch, ob man es durch Schreiben oder durch Sprechen sagt. Wenn man ohne Reflexion permanent performt, nähert man sich dem Pausenclown an, der nur durch Hyperaktivität auffällt. Doch was passiert, wenn das Scheinwerferlicht dann richtig lange auf einen strahlt? Dann brennt die nackte Existenz sich in den LCD-Screen ein und wird ein blinder Hohlspiegel.

HM: Ok, ok, gegen Harald Schmidt alt auszusehen, ist natürlich nicht schwierig, wie es dir bei „Talk 2000“ in der Berliner Volksbühne passiert ist. Schmidt ist eine mit allen Wassern gewaschene Pointen- und Bon-mot-Maschine des Late-night. Da kann man kaum gegen anstinken.

SB: Ja, aber Rainald Goetz – dieses gute Gewissen des Spektakels – geht damit anders um. Er hat jahrelang Einladungen von Schmidt ausgeschlagen, weil er sich nicht hintraute, da er Schmidt zu sehr vergötterte. Nun ist er hingegangen und hat seine Funktion des Kulturrekorders mit Respekt absolviert.

CS: Die eigene Künstlersubversion ist oft schnell am Ende, wenn man auf einen Giganten der Kulturindustrie prallt. Das habe ich im Selbstversuch gemerkt. Schmidt und Raab sind staatstragend zynisch.

SB: Aber warst du nicht selbst so einer? Und war deine Selbstinszenierung als Christus nicht noch schlimmer?

HM: Die Feuilletonredaktionen fragen sich nun: Bedeutet dein Tod das Ende des authentischen Theater-Rockhelden, der seine Arbeit mit einer körperlich-messianischen Aufopferung bekräftigte? Das wäre die Befreiung vom christlichen Opfer- und Leidensmythos, der uns gefangen hält.

Wir sagen: Der panic room des Kulturmigranten ist die Hölle. Das Nichts. Schwarz.

Stan Back, Club der Höllen-Dichter, 2006