Die Neue Mitte
Plot:
Dies ist eine Geschichte über die neue leere Mitte. Aus einem indischen Restaurant auf der Berliner Oranienburger Straße heraus beobachtet der Ich-Erzähler vorübergehende Menschen: E-Business-Leute, die von der Arbeit kommen, die Künstlerbohème, die bei der Arbeit ist, Huren, die zur Arbeit gehen und Menschen, die hier schon immer leben. Dabei liest der Erzähler in einem Buch, das er zuvor auf dem Büchermarkt der Museumsinsel gekauft hat, und lauscht seinen Tischnachbarn. Dieses Zentrum schneller urbanistischer und ökonomischer Entwicklung bei den Hackeschen Höfen, wo er seit der so genannten Wiedervereinigung gewohnt hatte, dient ihm zur Lokalisierung einer Leere: Die neue leere Mitte.
(Die Lesung wird mit einem Videoloop, der einen kleinen Rundgang von der Rosenthalerstraße in die Oranienburgerstraße und zurück projiziert, und Dias von Berlin-Mitte hintermalt, die einzeln vom Leuchttisch genommen und eingelegt werden.)
Gerade war ich in einem indischen Restaurant angekommen. Ich setze mich an einen Tisch unmittelbar an den aufgeschobenen Türen der Straßenfront, neben dieses Pärchen, das irgendwie aussieht als wären beide separat vor einem Jahr aus Kreuzberg nach Mitte gezogen. Mein Platz erlaubt mir mit dem Restaurant im Rücken, die Oranienburgerstraße panoptisch zu betrachten. Alle vier Minuten rumpelt eine Straßenbahn in Richtung Friedrichstraße vorbei. Von rechts nach links. Menschen gehen in beide Richtungen. Hier warte ich bei einem Essen auf eine Freundin, die mich später abholen wird.
Ich bin übers Wochenende in Berlin, um meine Fotoausstellung in der Galerie Kapinos zu eröffnen. Meine Bilder zeigen meist einfache Dinge. Dinge, die man schon zu kennen glaubt, aber mit einem anderen Blick. Vor drei Jahren war ich von Köln nach Paris gezogen, um aus der Bedrängnis des neuen deutschen Zentralismus rauszukommen. Dieses paranoische System, dieses sich gegenseitige Taxieren, ob man nun nach Berlin geht oder sich dagegen entscheidet. Und überhaupt, alles was damit zusammenhängt. Was gab es da noch zu entscheiden? Ich habe meine Assistentenstelle an der Kunsthochschule gekündigt und mich in Paris mehr auf Fotografie konzentriert.
Das Restaurant heißt Tagore. Die Speisekarte zeigt das bärtige Porträt des indischen Künstlers Rabindranath Tagore in einem ovalen Mandala, das durch seine Verzierungen wie ein plattgedrückter Kronkorken aussieht. Rabindranath Tagore war ein früher Popmodernisierer des indischen Lebens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er wurde erst spät zum Poeten, Maler und Bildhauer – das ganze Programm. Er gründete ein Künstlerdorf in der Nähe von Kalkutta, wo er die durch die Kolonisation unterdrückte indische Musik und den traditionellen Tanz wiederbelebte.
In diesem, wie ich finde, libertär gestimmten Restaurant, ziehe ich ein Taschenbuch aus der Jacke, das ich morgens für eine Mark auf dem Büchermarkt der Museumsinsel gekauft habe.
Nur dunkel erinnere ich mich noch an den Philosophieunterricht in der Schule. Machiavelli, der hatte etwas Abstoßendes in meiner Erinnerung hinterlassen. Deshalb hatte ich mich vermutlich für das Buch entschieden: »Bücher des Wissens. Macchiavelli [sic]. Auswahl und Einleitung: Carlo Schmid« – ein harter Gegensatz zum modernistischen Tagore.
Nachdem ich bei einer jungen deutschen Bedienung ein rund gewürztes Thali bestellt habe, sehe ich schemenhaft Passanten vorbeigehen und schlage das Kapitel »Was ist der Mensch?« auf:
»31] Die Menschen sind immer schlecht, wenn sie nicht durch den Zwang der Notwendigkeit gut gemacht werden.«
Ich muss lachen. Ja, eine solche Menschenverachtung fehlt mir gerade noch. Mein Blick schweift über die Straße.
Ein junger Schnösel geht auf das gegenüberliegende Schaufenster eines Optikers zu, scannt es mit interesselosem Blick und dreht sich soweit um, dass er mich sieht, geht langsam auf das Restaurant zu, um dann abzubiegen. Einige Sekunden blicken wir uns in die Augen. Wie kann er nur so direkt sein, meinen Blick so erwidern. Habe ich ihn angestarrt? War mein Blick etwa spöttisch, weil ich ihn für irgendeinen dieser E-Business-Wichtigtuer halte, einen von der Generation Berlin-Mitte, die hier hingekommen sind, um mit dem Geld ihrer Eltern ein kleines E-Bizz aufzumachen, und gerade mit ihren Börsenkursen abgestürzt sind?
Was hält er in der Hand? Es muss ein Magazin sein. Welches, kann ich nicht erkennen.
Ein Gespräch am Nachbartisch hört sich wie ein Paar-Encounter an. Sie essen abwechselnd mit schnellen Dialogfolgen, während sich ihre Blicke tief in das Essen bohren: Hier herrscht nicht die beste Stimmung. Dicke Luft, könnte man sagen, ohne zugehört zu haben. Der Ton ihrer Stimme schwingt übergangslos von erklärend zu vorwurfsvoll. Ein konkretes Thema ihrer Diskussion lässt sich nicht peilen, aber einer der Halbsätze klingt wie: »…Derrida ist out… jetzt geht es wieder um Unmittelbarkeit…«, während sie bedeutungsvoll die Augen aufreißt.
An einem anderen Tisch streichelt sich ein Pärchen manisch die Hände. Sie tragen dunkle Kleidung; vermutlich vor kurzem nach Berlin gezogen, und nun sammelt man sich für die kommende Woche, den Arbeitskampf auf dem deregulierten Markt der EinzelkämpferInnen. Oder etwas anderes Apokalyptisches. Beide starren verloren auf die Straße.
Gerade fährt eine Gruppe von KünstlerInnen vorbei: alte Sperrmüllgurken und gefederte Hightech-Räder. Sie fallen sofort auf mit ihren klischeehaften Secondhand-70er Jahre Anzügen und ihren typisch Berliner Understatement-Klamotten-Mischmasch – gerne große Hornbrille, brauner Anzug, adidas-Trainer und grelle Daunenjacke. Zwei von ihnen, die beiden Künstler, Natascha Sadr H. und Christoph Keller kenne ich schon seit Anfang der 90er aus dem Botschaft e.V.-Umfeld. Sie bemerken mich nicht und rauschen vorbei. Später werde ich von ihnen erfahren, dass sie auf der Suche nach einem schnellen und billigen Essen waren, um die anschließende Nacht im Videostudio zu überstehen.
Dieser in Mitte noch gegenwärtige Lebensstil, der Kunst mit ganz bestimmten Lebensformen kombiniert, Freundschaften und Karrieregemeinschaften, akademische und irgendwie kunstcomputing Netzwerke wie sie in anderen Städten so ähnlich, wenn überhaupt, nur als Mikromilieus auftauchen, wurde in der zweiten Hälfte der 90er Jahre auf der Alten Schönhauserstraße von den Designerklamottenleuten abgelöst. Zuerst gab es Boutiquen, in denen nur ein, zwei Anzüge oder Kostüme und drei Paar Schuhe zu sehen waren. Meist stand ein silberner Audi TT davor. Es kam mir immer vor wie nachgespielte Werbeclips aus dem Fernsehen. Seien ihre Kunden aus den Medien oder aus der Politik. Vielleicht hatten sie auch gar keine Kunden, sondern waren nur Abschreibeobjekte. Auf jeden Fall wirkten die hochgestylten Shops zwischen den grau strahlenden Plattenbauten und den ungläubig vorbeiziehenden Nachbarn so synthetisch wie hin gerendert.
Mein Blick fällt auf das Buch in meiner Hand:
»32] Wie uns alle lehren, die sich um die Erkenntnis der das Zusammenleben der Menschen betreffenden Dinge bemühen, und wie es jedes Geschichtsbuch durch eine Fülle von Beispielen belegt, muß jeder, der einem Staat eine Verfassung und Gesetze gibt, davon ausgehen, daß alle Menschen böse sind und daß sie so oft von der Bosheit ihres Herzens Gebrauch machen, als sie dazu freie Gelegenheit haben. Wenn irgendeine Bosheit eine Weile nicht sichtbar wird, so rührt dies von einer verborgenen Ursache her, die man nicht kennt, weil man noch keine Erfahrung vom Gegenteil hat. Die Zeit aber deckt sie auf, die Zeit, die man die Mutter der Wahrheit nennt.«
Am Tisch hinter mir reden zwei Männer über das Buch »Tristesse Royale«: fünf deutsche Literaten diskutieren im Hotel Adlon über den Pop der Berliner Republik und ihre Mitte, die in den U-Bahnen nur dumme Wurstgesichter sahen, und versuchten, das Hobby aller Schnösel der 80er Jahre zu reaktivieren, nämlich in/out-Listen zu diskutieren und ultimativ coole Pop-ismusregeln zu definieren. Wie könnte es auch anders sein in einem Berliner Restaurant: Man debatiert die neue deutsche Literatur. Hier im Herzen der Mitte, die längst von Immobilienfirmen umgebaut, grundrenoviert, vermietet und verkauft, von den Politikern als ökonomisches Konstrukt ausgehöhlt aber beständig neu definiert und umkämpft wird. Die letzte Funken schlagende Intellektualität. Gott segne diesen Ort.
»Ne, haste den Dummwichs von Stuckrad-Barre im Stern gelesen«,
speit der etwa Achtundzwanzigjährige mit dem rasierten Schädel über den Tisch,
»da hat der jetzt ‘ne Kolumne über die Bilder eines Tages. Die er ausgesucht hat. Das ist natürlich aus der De:Bug übernommen, dem Magazin für »elektronische Lebensaspekte«, wie die sich nennen. Von so’nem Typen werden da auch immer drei Bilder aus den Medien besprochen, Heidenreich oder so, heißt der.«
Ich höre auf.
Zufällig kenne ich ihn, Stefan Heidenreich. Seit 1991 wohne ich immer bei ihm, wenn ich in Berlin bin. Damals hat er, von der schwäbischen Alb kommend, diese Wohnung besetzt. Sie wurde mittlerweile renoviert. Das Haus ist seitdem durch mehre Besitzerhände gegangen, wie die meisten hier, und die BewohnerInnen haben sich außer ihm komplett ausgetauscht. Und der Dachstuhl, auf dem wir uns früher gesonnt haben, wurde ausgebaut und für 1,5 Millionen DM verkauft. Seine Freundin, Christina, wohnt auch in der Nachbarschaft. Sie ist Visagistin für Vogue und all diese teuren Magazine. Sie hat einen supernetten kleinen Hund: Tippi. Ihre Wohnungen sind für mich der Inbegriff des bohèmistischen Mitte-Menschen. Ihr Improvisations-Ambient ist noch liebenswert aus dem historisch-ist-hier-politisch aufgeladenen Trödel und 70er-Jahre-Retro aus den 90ern zusammen designt, auch wenn sich um sie herum alles, aber auch alles geändert hat.
Der etwa Fünfunddreißigjährige mit dem Secondhandanzug steuert in dieselbe Richtung wie sein Tischnachbar:
»Zum Kotzen, einfach völlige Scheiße. Aber alle quatschen drüber, egal, wie schrecklich flach Stuckrad-Barre schreibt. Das Ende des Mainstreamporridge.«
»Ja, das ist die Korken-Theorie: Der ist wie so’n Korken, du weißt schon, egal, wie aufgewühlt die See ist, wie schaurig die Brühe vor sich hin wabert, der gehört zu denen, die immer schön oben treiben.«
»Wie jetzt? Das findest du gut?« fragt sein Gegenüber, die Stirn runzelnd und einen tiefen Zug von seiner Players American Spirit saugend, mit der ultimativ bestgestylten Kippenpackung, die ein in Farbe und Form aus Cultural-Studies destillierter Indianerkopf ziert. Da ist man sich einig.
»Also, wenn du dir die ganze Öffentlichkeit als Meer vorstellst, dann ist der Stuckrad-Barre so’n Korken. Jede Welle, die über ihn rollt, spült ihn doch immer wieder nur nach oben. Von Anfang an wurde diese neue deutsche Pop-Literatur von allen Literaturpäpsten kritisiert. Das war gerade die Chance für sie. Alle wollten sie als junge Dummchen abtun. Genau das wurde ihr Kapital: Ein Bruch mit allem, was die Alten für gut hielten. Trotzdem ist er supererfolgreich. Der liest ja sogar auf dem Openair „Rock am Ring“.«
»Ja, wer spült diese Korken denn nach oben? Das sind wir, die wir uns über solche Phänomene das Maul zerreißen und ihre Bücher kaufen. Und vor allem, hältst du das für eine qualitative Kategorie: ein Korken sein?«
»Nee, eine leichtere Dichte haben, die sich von der Masse unterscheidet. Man kann das auch einfach „hohl“ nennen. Aber das zeigt doch mindestens zwei Dinge: Er hat sich in gewisser Weise durchgesetzt in der Öffentlichkeit und man kann daraus schließen, dass sein Management gut funktioniert. Das verstehe ich unter der aufgeblasenen Gummipuppe Pop, auf der jetzt alle reiten.«
»Das ist doch voll Scheiße. Wenn du die richtigen Leute hast, die dich unterstützen, dann kannst du jeden Scheiß verkaufen.«
»Ja, das nennt man neoliberal-kapitalistische Öffentlichkeit, das darf man auch in der Kunst nie vergessen.«
»Ich weiß. Und was ist mit dem bewusstseinsverändernden Potential, dass Pop mal hatte. Denk mal an das Buch „Acid“. Als ich das mit siebzehn beim 2001-Versand bestellt und gelesen habe, dachte ich, das will ich alles haben, jetzt, hier alles. Das Buch hat meinen Kopf von allen anerzogenen Verrenkungen frei geblasen. Das war genau die Pop-These von den alten Kölner Heroes Brinkmann, Rygulla und so, dass selbst eine verbeulte Cola-Dose auf der Straße mehr geile Poesie und politische Sprengkraft hat als eine durchs museale System hoch gezüchtete und gerahmte Ölmalerei oder ein Siebdruck.«
»Wenn der Stucki-Barre nicht Ghostwriter von Harald Schmidt gewesen wäre, dann hätte der das doch nie geschafft.«
»Das kann sein, aber Harald Schmidts Macht in der gesamten Kultur beeindruckt ja sogar Rainald Goetz, von dem man früher mal dachte, dass er ein Durchblicker sei und selbst mittlerweile auf dem Weg zum Literaturpapst ist.«
»Nee, das habe ich nie gedacht. Obwohl er ein paar nette Bücher rausgehauen hat, aber wer sich erst zehn Jahre nach Punk bei einer Dichterlesung – ja, bei einer Dichterlesung in Klagenfurt oder so – theatralisch die Stirn aufritzt, der eignet sich wohl eher als PR-Mann. Auch wenn er sich vorher mit zwei Doktortiteln dekoriert hat, standen die ihm als Reputation bestens zu seiner weißen Punkfrisur. Das waren die 80er«
Schnelle Argumentationskaskaden der Nachbarn springen über kulturelle Absätze: Gerade eine Woche vorher hatten sie die Harald Schmidt-Show gesehen: einmal war der neu-deutsche Popliterat Christian Kracht und einmal war der nicht weit von dieser Szene entfernte Herausgeber der Berliner Seiten der FAZ, Florian Illies, zu Gast. Wie die Images dieser Mediengestalten formuliert – heute sagt man »erfunden« – werden, ist kein Geheimnis. Während meines Jobs in einer der größten deutschen Medienagenturen, house of promotion, wird man temporär Rädchen: ein System gegenseitiger Einladung, um die Projekte vorzustellen, ein System gegenseitiger Verstärkung der Medienpräsenz. Und in den Agenturen sitzen Mannschaften von Gagschreiber- und KonzeptionerInnen, die sich unter wahnsinnigem Konkurrenzdruck zugekokst gegenseitig wegmobben.
Mein Blick senkt sich auf das Buch:
»33] Die Menschen sind so einfältig und so auf die Nöte des Augenblicks eingestellt, daß einer, der sie täuschen will, immer einen finden wird, der sich täuschen läßt.«
Wer lässt sich hier täuschen? Und wer will täuschen? Was ist nur Fassade, Accessoire oder Attitüde? Was das wirklich Wichtige, der Kern, die Substanz? – Fragen blenden sich über das Gespräch am Nachbartisch:
Im Prinzip scheint mir die neue deutsche Pop-Literatur eine Synthese aus dem alten Spex-Stil minus den politischen Anspruch plus Harald Schmidt minus den intellektuellen Fun. Teilweise durch eine Brise jugendlich-intellektuellen Leichtsinn aufgepolstert. Kein Stil – das ist eigentlich gut daran. Eher ein historisches Phänomen. Man merkte spätestens hier am Ende der 90er, dass die Medienkompatibilität von gescheitem Gequake über Pop-Musik nicht eine linkspolitische Haltung garantierte. Man denke nur an Brett Easton Ellis’ »American Psycho« Anfang der Neunziger – ein großes Vorbild der neuen Popschreiber –, der seinen Hobbyserialkiller, der hauptberuflich ein Wallstreetbroker ist, inspirierte Exkurse gleichberechtigt über Mineralwasser, U2 und Whitney Houston führen lässt. Brillanter Pop, der Tom Wolfe erblassen ließ. Doch dem Personal des Kapitals ein kulturelles Wissen zugesteht, dass die Cultural Studies erblassen lässt. Das liest sich verdammt gut, aber verlagert die kulturelle Stichwortproduktion an die Börse.
Ja, die Spex hatte eine undemokratische Redaktionspraxis in den 90ern, es war etwas anderes drin, als drauf stand. Erst Mitte der 80er Leserbriefe aus einem kleinen Kaff geschrieben, das war der erste Kontakt zur großen Kulturproduktion, später in Köln ein paar kleine Texte für sie, wobei mir schnell klar wurde: Hier geht es jetzt um etwas anderes als wir immer gedacht hatten: eben nicht um kulturelle Politik, die Theorie über Anekdoten, die Kritik über Poesie stellt, und ein Kommunikationsmodell, mit dem versucht wird, libertären Informationsaustausch zu praktizieren. – Ach, so naiv hast Du das projiziert? Na klar, überall saßen Gruppen zusammen und diskutierten die neue Ausgabe. Im Rückblick auf die neunziger Jahre sehe ich die Spex aber als ein avantgardistisches Phänomen der Selbstausbeutungsökonomie, wie es gegenwärtig für das kreative Subproletariat in der Medienindustrie prägend ist mit all seinen politischen Folgen. Die Differenzen zur intro erhöhten anfangs den Marktwert. Das sehe ich anders, denn die Informationspolitik in der Redaktion und im Umfeld hatte sich irgendwann komplett verkehrt. Die neue, schnelle Informiertheit des Internets braucht keine diskursiven Übereinstimmungen und Opinionleader, sondern Macht, um die eigenen Interessen durch zusetzen. Klar, deshalb haben die HerausgeberInnen sie ja auch verkauft.
Das Gerangel um die Gunst des kulturintellektuellen Monarchenpaares, Diedrich Diederichsen und Jutta Koether, hatte aus der Nähe betrachtet etwas Absurdes bei allem Respekt für den intellektuellen Output. – Es gab dann diese Ausstellung von Münchner Künstlerinnen: „Der Name Kim Gordon darf nicht erwähnt werden.“ Ach, das sind Randphänomene. Die Aussage kam bei den Betreffenden doch nicht an. Die Institution Spex, die ihren kulturellen Machtpol aus der connection zwischen musikalischem Pop und polit-kulturellem Wissen perma-erneuerte, wurde von den Glamour-Projektionen ihrer UserInnen ins Unerträgliche verklärt; das feedback steht noch pfeifend im Raum – das musst Du erstmal schaffen. Ja, schon klar, aber das merkte man spätestens, wenn man mal einer ihrer gnadenlos ätzenden, hierarchisierenden Inklusions/Exklusions-Diskussionen im Kölner Sixpack beigewohnt hatte. Null Außenwahrnehmung – gerade wegen der diskursiven Binnen-Reflexion von allem und jedem. Der pure naive Glaube, dass man mit einer Partizipation am Differenzpol seine fünfzehnminütige Portion Ruhm abholen könnte, ließ ambitionierte wie unambitionierte SchreiberInnen scharenweise nach Köln ziehen – obwohl viele als Kabelträger bei RTL landeten. Die unausgesprochene Abmachung, keine oder sehr geringe Entlohnung für quasi 24-Stunden-Jobs und keine Ausfallhonorare für zum Teil unverschämt kurzfristig gesetzte Produktionszeiten zu zahlen, waren jedoch die Bedingungen, die letztlich auch dem Medienstandort Köln und der Comedysierung der Gesellschaft zugearbeitet haben. Das mag schmerzhaft sein.
Vor allem von hier aus: Der Neuen Leeren Mitte. Hier hat sich dies alles noch einmal potenziert. Hier herrscht nun die reine Repräsentation. Diese nette Wortmischung aus: Wieder-Präsentation, Re-Präsenz und Re-Präsent(ant).
Der Sciencefiction-Roman Phonon von Dietmar Daht, dem ehemaligen Spex-Chefredakteur in der letzten Phase, bevor sie ein Verlag übernahm, ist deshalb leider in die Slackerhose gegangen, weil er aus den verdammt realen Personen und ihren Geschichten heavy Esoterikcodes gemacht hat und so nur die Fraktion der Spexleser (ohne -Innen) anspricht, die eh nie etwas anderes als nerdig bekiffte Geheimsprachdekodierer waren. Das Buch hätte auch eine Fiction-Dokumentation über zwanzig Jahre Spex werden können, mit einer schönen medienpolitischen Strategie. Anstatt diese eineinhalb Jahre, die er dort gearbeitet hat, so zu vernebeln und sich aus der Verantwortung – den Begriff benutze ich ungern, da er mich an Eltern- oder Jugendrichtermahnungen erinnert – für seine Beobachtungen schleicht.
Doch muss man sich darüber im Klaren sein, dass der Verlust einer dissidenten Stimme, die von politisch motivierter Analyse bis zu intellektualisierter Werbung für kulturelle Produkte reichte, für das die Spex lange genug den one and only Amplifier darstellte, auch den Verlust einer Definitionsgewalt für kulturelle Differenzen bedeutet. Das führte erst zu der Möglichkeit, dass die Harald-Schmidt-Connection sich die Spex-Genealogie – etwa: Rolf-Dieter Brinkmann/ Rolf-Ulrich Kaiser/ Hunter S. Thompson/ Kathy Acker – aneignete und in eine deutsche Softcore-Version für die Stefan Raabs dieser Welt umdichtete oder übersetzte. Aber ist das nicht gerade die großartige Funktion von Popmagazinen? Auf diese Weise wurde die ehemals avantgardistische Montage aus Fantum, Semiotik, Rausch, intellektualisiertem Witz und unterschiedlichen Schreibweisen zu einem durchgesetzten Kode der Kulturindustrie.
Dazu kommt die hysterische Rezeptionshaltung, im popkulturellen Soziotop die neusten Meldungen einer kleinlichen Analyse zu unterziehen. Was macht die Harald-Schmidt-Show anderes, als Medienereignisse trashig kommentiert zu inszenieren, Minderheiten- und Sexwitze als Übertretung moralischer Codes zu kaschieren und das Ganze mit ein bisschen Selbstironie aufzupeppen? Das macht sie für uns so begehrenswert entspannend vor dem Schlafengehen…
Eine vorbeirollende Straßenbahn übertönt die Nachbartischgespräche. Ich wende mich wieder dem Buch zu:
»35] Von den Menschen gilt schlechthin: sie sind undankbar, wankelmütig, heuchlerisch, sie laufen Gefahren davon und sind auf ihren Vorteil aus. Während du ihnen Wohltaten erweisest, sind sie alle dein, bieten sie dir ihr Blut, ihr Vermögen, ihr Leben, ja ihre Söhne an – solange das Bedürfnis danach ferne ist. Wenn das Bedürfnis aber naherückt, dann fallen sie um. Der Herrscher, der sich ganz auf ihre Worte verlassen und sich nicht vorgesehen hat, geht zugrunde, wenn er mit leeren Händen dasteht. Freundschaften, die man um Geld erwirbt und nicht durch Größe und Adel des Geistes, verdient man zwar, aber man hat sie nicht in der Tasche; darum kann man im Notfall nichts damit anfangen.«
Das Gespräch der beiden Männer blendet sich über meine Lektüre:
»Dem Stuckrad-Barre sollte man doch einfach mal nach einer Lesung einen ›schönen Abend wünschen‹.«
»Hey, der hat sich intellektuell längst selbst ausgetrickst: Dass Stucki-Barre ein Identitätsproblem hat, ist spätestens klar geworden, als er die Titanic verklagte.«
»Was jetzt?«
»Die Titanic hat – wie sie schreibt – eine Anzeige mit dem Text: „Benjamin von Stuckrad-Barre liest ab 11. Mai täglich in der Mehrzweckhalle der JVA Cottbus, Westflügel“ aus Versehen mit dem Porträt des Sexualstraftäters Stephan Jung, der dort absitzt, gedruckt. Daraufhin hat Stuckrad-Barre die Titanic verklagt. Doch das war noch nicht alles. Sie brachten im nächsten Heft eine weitere Anzeige, diesmal mit dem Konterfei von Timothy Mc Veighe, der in den USA gerade wegen seines Bombenanschlags in Oklahoma hingerichtet worden war, mit der Zeile: „Lesung abgesagt“.«
»Das ist zum Brüllen. Stuckrad-Barre macht sich bei seinen Lesungen doch genau über solche Medienereignisse lustig.«
»Ja, und darauf folgte eine Anzeige mit dem Portrait des Dalai Lama. Hihihi…«
Während sich das Gespräch der beiden Männer wie ein Schleier über den Raum legt, genieße ich mein indisches Essen, das ich zu den größten Genüssen des Lebens zähle, und lese:
»36] Wankelmut ist das Wesen der Menschen. Es ist leicht, sie von einer Sache zu überzeugen, schwer, sie bei dieser Überzeugung zu halten. Darum muß man sich so einrichten, daß, wenn sie nicht mehr bereit sind zu glauben, man sie mit Gewalt dazu zwingen kann.«
Also hätte man nur die Möglichkeit, sich auszusuchen, wo man mitspielt, seinen eigenen Laden aufzumachen oder sich um alles einen Dreck zu scheren und als Junky, Desperado oder Söldner (gleich Freelancer) umherzuziehen. Wobei die letzten beiden Kategorien meist nicht weit auseinander liegen. Irgendwo sind alle käuflich. Es ist nur eine Frage des Preises. Das zeigt sich daran, dass kaum noch jemand Kritik übt, ohne die damit verbundenen Risiken zu kalkulieren. Kritik ist zu einem Optimierungsfaktor geworden ist.
Da kenne ich einige Künstler, die so leben und arbeiten: Zunächst versuchen sie durch eine spezifisch kritische Produktion in den Markt zu kommen. Finden sie auf diese Form Zuspruch, dann gilt es, durch die Masse ihrer künstlerischen Arbeiten in diesem Stil zu überzeugen. Bei den allermeisten bleibt aber die Anerkennung aus. Also: irgendwie Geld verdienen und zusätzlich künstlerisch arbeiten. Taxifahren? Das nimmt ziemlich viel Zeit in Anspruch, erfordert viel emotionales Investment, macht einen empfindlich für Kritik und lässt einem oft wenig Zeit für soziale Praktiken, außer Kneipenbesuchen und Drogenkonsum. Dieses deregulierte Leben bringt vor allem Dünnhäutigkeit und übersensibilisierte Singles hervor. Da ist es kein Wunder, dass Alkoholismus in künstlerischen Kreisen der bessere Lebens- und Fernsehpartner ist. Dies ist ganz pragmatisch beobachtet und weniger als Entschuldigung oder Selbstrechtfertigung aufzufassen.
Künstlerische Urteile werden zu sozialen Urteilen: Attraktivität, Unattraktivität und zerklüftete Psycholandschaften…
Weiter bei Machiavelli:
»39] Die Menschen verstehen gewöhnlich nur wenig von dem Gang der Weltläufe. Darum machen sie die größten Fehler und um so größere, je mehr es sich um Dinge außerhalb der Norm handelt.«
Gesprächsfetzen reißen mich aus den Gedanken:
»Und dann habe ich gewartet. Ich mag es nicht, wenn du mich warten lässt.«
Am Nachbartisch wirft sie ihm Ignoranz vor:
»Du weißt genau, dass ich auf solche Spielchen nicht stehe.«
»Aber hör mal, was heißt hier Spielchen? Ich war beschäftigt.«
»Du und deine Arbeit. Immer bist du mit deiner Kunst beschäftigt. Du denkst nur an dich. Alles, was du hast, bist du selbst, dein eigener Egoismus. Du kannst gar nicht lieben.«
»Nein, das ist nicht wahr, ich habe ständig an dich gedacht«, versucht er einzuwenden.
»Warum hast du dann nicht angerufen? Du hättest mir mailen können…«
»Aber, wenn du mit mir reden willst, warum rufst DU mich dann nicht einfach an?«.
Peinlich berührt, suche ich bei Machiavelli nach Ablenkung von diesem Beziehungspatt:
»40] Der Mensch ist von Natur ungeduldig und kann die Befriedigung seiner Leidenschaften nicht lange hinausschieben.
Er täuscht sich gerne in den Dingen, die ihn selbst betreffen, und am meisten in denen, die er am sehnlichsten herbeiwünscht.«
Vermutlich hatte sie von ihm etwas erwartet, was sie ihm vorher nie gesagt hatte. Ob das eine geschlechtsspezifische Fragestellung ist, oder die Geschlechter austauschbar?
Mein irritierter Blick auf die Straße trifft eine Prostituierte auf dem Weg zu ihrem vermutlich nicht weit entfernten Stammplatz auf dem Straßenstrich Oranienburger Straße: weißblonde Lockenperücke, glänzendhelle Nylonstrümpfe wie aseptisches Gummi und silberne Plateaustiefel, damit die Beine unendlich wirken. Ihr Gesicht ist egal, austauschbar. Irgendwie kommen mir die Nutten hier wie Roboter oder Cyborgs vor, alle ähnlich uniformiert. Und erstaunlich ist es doch, dass sie hier nachts in der Mitte rum stehen. Doch was bedeutet es, außer, dass sie ihr Revier auch nach der Wende verteidigt haben. Irgendwie gut, dass sie noch hier stehen. Es erzeugt eine merkwürdig realistische Alternative zu dem Private Psycho Ambient, den Beziehungsbeobachtungen, die ich im Restaurant höre. Käuflicher Sex. Essen.
Berechtigte nicht schon die Diskussion über den französischen Literaten Houellebecq zu sagen: Sex ist solange ein Werbeslogan oder eine Form der Fernsehunterhaltung, bis man ihn selbst hat. Und das ist selten genug. Auf jeden Fall ist die Häufigkeit des Über-Sex-Redens in Talkshows, in der Werbung, auf Hotlines oder Chatforen und auch im so genannten Privatleben eher ein Zeichen für fehlenden Sex als für irgendeine Form der Liberalisierung. Das meinte schon Foucault. Und mit Houellebecq in der Erinnerung sitze ich gerade im Zentrum des Genusses, denn, wenn ich mich richtig erinnere, schreibt er: »Der Supermarkt ist das wahre Paradies der Moderne.« Sitze ich hier in Mitte nicht gerade in einem großen Freiluftsupermarkt, einer Shoppingmall, durch die man noch mit dem Auto und der Straßenbahn fahren darf, oder handelt es sich einfach um eine traditionelle Innenstadt? Hier in Mitte gibt es alles: Cafes, Restaurants, Bars, Designershops, Supermärkte, Drogeriemärkte und Nachtklubs, Museen, Universitäten, Kanäle, Ausflugsschiffe, Banken – ja, vor allem Banken, dämmere ich über den französischen Literaten:
»…Der Kampf hört an der Tür auf, die Armen beispielsweise betreten ihn nicht. Man hat woanders Geld verdient, jetzt wird es ausgegeben. Für ein sich ständig erneuerndes und abwechslungsreiches Angebot, dessen guter Geschmack meist zuverlässig und dessen Nährwert dokumentiert ist. Nachtklubs bieten einen ganz anderen Anblick. Trotz fehlender Aussichten werden sie weiterhin von zahlreichen Frustrierten besucht. Sie haben somit Gelegenheit, sich Minute für Minute ihre eigene Erniedrigung vor Augen zu führen. Wir stehen der Hölle hier viel näher. Nebenbei gesagt, gibt es Supermärkte des Sex, die einen nahzu kompletten Pornokatalog anbieten. Das Wesentliche aber fehlt ihnen. Denn das, was beim Sex hauptsächlich gesucht wird, ist nicht der Genuß, sondern die narzistische Befriedigung, die Huldigung, die der begehrte Partner der eigenen erotischen Geschicklichkeit erweist. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb Aids nicht viel geändert hat. Das Kondom verringert den Genuß, aber im Gegensatz zu Lebensmitteln ist nicht der Genuß das gesuchte Ziel: Ziel ist die narzistische Trunkenheit der Eroberung. Der Porno-Konsument verspürt nicht nur nicht diese Trunkenheit, sondern ein oft geradezu entgegengesetztes Gefühl. Will man das Bild vervollständigen, könnte man abschließend hinzufügen, dass manche Leute, solche mit abweichenden Wertmaßstäben, Sexualität weiterhin mit Liebe gleichsetzen.«
Dies ähnelt William Burroughs Sicht, dass die Liebe eine Erfindung der Frauen sei und eben oft mit Sex verwechselt würde.
Schwenk zu dem Pärchen am Nachbartisch:
»Du hast mich in deiner männlichen Selbstsucht ausgenutzt. Immer besänftigst du mich. Diesmal wird dir das nicht gelingen. Es hat einfach keinen Zweck mit dir.«
Beide ziehen nach dem Zahlen mit gesenkten Köpfen ab.
Ihnen nachsehend, beginne ich zu lesen:
»43] Die Menschen springen von einer Stufe des Machtwillens auf die andere über. Die erste ist, imstande zu sein, zu verhindern, daß einem was getan werden kann; die zweite ist, imstande zu werden, anderen etwas antun zu können.«
Immer diese Angst vor der Einsamkeit. Vermutlich ist die Angst vor der Einsamkeit ein Hauptgrund für die Erpressbarkeit, die viele Beziehungen regiert.
Wie oft nimmt man in Kauf, schlecht draufzusein, den Partner schlecht drauf zu bringen, nur weil man selbst nicht genau weiß, was man will. Wenn die Existenz substantiell gesichert scheint, ist dies eine der schwierigsten Aufgaben des Zusammenlebens. Gibt es keine Auflösung der Pärchensituation: Alle sind immer auf der Suche nach idealen Partnern oder verlieben sich in jemandem, der oder die sie selbst nicht liebt. Und dasselbe tun sie dann denjenigen an, von denen sie selbst geliebt werden. Verquaster kann es gar nicht sein. Es ist ein andauerndes Spiel des Verliebens und Frustriertwerdens. Des Zurückstoßens und des Zurückgestoßenwerdens. Dabei ist einer der größten Faux pas, zuzugeben, dass man keine Beziehung hat, aber dringend eine sucht. Das ist ihhh. Damit will man nichts zu tun haben. Schließlich ist jeder selbst Schuld, wenn er oder sie nichts dran ändert.
Da es jedoch keine Mitte gibt, haben wir weder einen »Verlust der Mitte«, noch führt »der lange Weg nach Mitte« irgendwohin. Wir haben die leere Mitte, die Politik der großen Mitte, die renovierte Mitte, die Generation-Mitte und die Mitte-Pop-Literatur. Wir sind angekommen: doch die Mitte ist.
Mein Hauptgrund nach Paris zu gehen, das will ich zugestehen, war die unglaubliche politische Regression, die sich abzeichnete, als die beiden Türme des World Trade Centers in sich zusammenstürzten. Ich projizierte im selben Augenblick das Begräbnis aller kulturalistisch politischen Diskussionen und Projekte, die man in den neunziger Jahren im linken kulturellen Feld betrieben hatte. Und richtig. Als erstes wurde verkündet, dass der Datenschutz abgeschafft, die Überwachung der Innenstädte verschärft werden solle und damit wurden all die rassistischen und sozial deklassierenden Exklusionsverfahren in Anschlag gebracht, die man unter der CDU-Regierung noch einem konservativen Regime ankreiden konnte.
Ich wollte nun mehr mit den Bildern arbeiten. Paris schien mir dazu die nötige Verschiebung. Da pendelt die Wahrnehmung zwischen dem libertären Tagore und dem monarchistischen Machiavelli. Jutta, diejenige, auf die ich hier warte, ruft mobil an, um nach dem Weg zu fragen. Sie steht hundert Meter entfernt und findet das Tagore nicht.
Es hat sich so viel geändert.
Gleichzeitig läuft im Fernsehen die Tagesschau, wo das Statement der deutschen Regierung zu den Angriffen auf das World Trade Center in New York gesendet wird: Gerhard Schröder, der mit dem Slogan der Neuen Mitte Bundeskanzler wurde, verordnet von seinem neuen Bundeskanzleramt in Berlin-Mitte aus, dass wir Deutsche nun mal im Tausch mit Kennedys Ausspruch – »Ich bin ein Berliner«– alle sagen sollen:
»Wir sind Amerikaner.«
Was ist in der Mitte?
»Derrida ist out«, hatte die Frau am Nachbartisch gesagt, »Derrida ist out, jetzt geht es wieder um Unmittelbarkeit«.
Stan Back, Paris ca. 2002
Dietmar Dath, Phonon. Oder Staat ohne Namen, Berlin 2001.
Michel Houellebecq, Die Welt als Supermarkt, Köln 1999, 31f.