Es war ihm klar, dass er an einen Endpunkt gekommen war – als wäre er quer durch einen Kontinent gefahren und nun an der Küste angekommen, nach der er sich lange gesehnt hatte. Von der er schon lange geträumt, ja glasklare Bilder vor Augen gehabt hatte. Aber er war nun zweifellos am Ende der Straße; er war am Ziel angekommen, ohne darüber froh zu sein, und deshalb musste er sich nach dem Taumel über die Ankunft erst orientieren. Das war nicht sein Ziel. Irgendwie kam die Sektlaune am Kliff noch nicht richtig auf. Es war offensichtlich nicht sein Ziel. Wenn er mehrjährige Projekte zu Ende brachte, fühlte er sich immer sehr alt und fremd in dieser Welt. Die Situation schrie nach einer Party, nach einem Fest, nach exzessiver Trunkenheit. Doch während er in einem high über das erfolgreiche Projekt nach dem richtigen Platz für eine Ekstase Ausschau hielt, merkte er, dass seine dritte längere Beziehung komplett abgewirtschaftet war. Eigentlich war sie schon vor einem Jahr in beiderseitigem Einverständnis aufgelöst worden, doch hielt man den Pärchen-Status nach außen hin aufrecht, um nicht in das Halbsein des Singles zu verfallen. Er sprach hier nicht von Affären. Es ging viel mehr um Beziehungen. Nicht, dass er sich mit irgendeiner Schuldzuweisung aufhalten wollte, aber das Gefühl nahm mehr und mehr Raum in ihm ein, dass sich die Bedingungen für Beziehungen ganz allgemein und unwiederbringlich verändert hatten. Ihm war nicht klar, ob es sich um eine ganz persönliche oder eine historische gesellschaftliche Entwicklung handelte. Dabei blieb ihm eine einfache Verallgemeinerung suspekt, dass nämlich das ganz Persönliche schon durch seine Veröffentlichung zum allgemein Gesellschaftlichen würde.
An der Küste also allein mit einem riesigen Cabrio angekommen. Doch erst jetzt – am Ende des vermeintlichen Wegs – merkte er, dass er gewisse Aspekte der Partnerschaft vermisste. Irgendein soziales – und er gab es zu – vielleicht sexuelles Loch – wobei er nicht genau lokalisieren konnte, wo dieses sich befand – neben, über, unter oder sogar in ihm. Ein großes Loch. Ohne sagen zu können, ob es eher das Sexuelle war, das mit dem Sozialen zu tun hatte, oder umgekehrt das Soziale eher mit dem Sexuellen, das so in eine Intimität umschlug. Ich muss da dran bleiben, dachte er. Das lässt sich nicht so einfach klären als skulpturaler Prozess oder dramatisiertes Gemälde.
Nun also mit dem Cabrio an der Steilküste angekommen. Definitiv nicht am Eismeer. Im sich lichtenden Nebel kann er keine anderen Figuren erkennen. Manchmal ist die Küste auch mitten in der Stadt, dachte er. Und man muss plötzlich die neue Situation mit einer neuen Sprache, (vielleicht auch nur) mit einer anderen Rhetorik zu fassen suchen.
Pixlig dreht der Mond seine Runden. Beton begreift ihn rau und hart. Der iPod spielt ihm die richtigen Takte, denn was ist eine gewundene Autobahnbrücke über einen Fluss ohne den richtigen Beat? Was ist ein dämmernder Tag ohne den richtigen Takt? Schnitt. Genau deshalb hasst Matias Faldbakkens Hauptfigur, Rebel, die Musik (weil sie auch noch die tristeste Situation beschwingt erscheinen lassen kann oder genießbar emotional auflädt). Schnitt. Ohne Hubschrauber oder Kamerakran könnte er sich nun nicht über diese Szene erheben. Die Technisierung der Wahrnehmung verwebt sich mit der Verwertung dieses Nervenmaterials. Runde um Runde um Runde. Das Leben als Video vor dem Flatscreen. Du schreibst Gegenwart auf deine Netzhaut (und mehr: in dein Hirn). Das echt schmerzhaft schöne Leben gleichzeitig aber abhaut. Als Existenzjob ohne Arbeit.
Neben dem Parkplatz nimmt er einen Espresso in einer typischen Strandkneipe unter der Betonbrücke. Jetzt war er in der Zone angelangt. Jeder Augenaufschlag galt nun zwar nicht gleich als künstlerische Äußerung, jedoch als Puzzleteilchen zu seinem Image. Auf dem Monitor über der Theke sang gerade hysterisch eine merkwürdig zeitgenössische Band:
The hardest song
I’ve ever sung
The strongest line
I’ve ever drawn
After all premises
And all expenses
Have to face all consequences
I draw whatever I saw…
Verträumt kehrt seine Aufmerksamkeit zurück zur alltäglichen Thekenexistenz. Im Hintergrund lief nun ein Bürger-TV eine seltsam geschnittene Sendung über sein Lieblingsthema: die Verifizierung der unbestimmbar schön zu nennenden Empfindung beim Denken. Und betrachtet man die Umgebung von Denkenden selbst: sie wird sofort affiziert von diesen Gedanken – ein ganz spezieller Raum. Plötzlich ist der Stuhl nicht mehr nur ein Stuhl und der Tisch nicht mehr nur ein Tisch. Dieses Denkobjekt »Stuhl« und dieses Denkobjekt »Tisch« dienen plötzlich nicht mehr, sondern taugen zu etwas ganz anderem. Daran sitzen, vielleicht. Sie arbeiten in der Denkfabrik. In der Zone. Intelligence Ambient, aber auf eine ganz andere Art. Hier werden Kunstkritiken getanzt; wieso kann nicht mal jemand Fotografien vorsingen? Als Denkobjekte. In einem Ausstellungsraum als Vorstellungsraum. Vor ganz großem Publikum in einem Alters- oder Obdachlosenheim. Ironiefrei gut.
Hier dann ganz anders: Die hinlänglich vom TV bekannte Legitimation für verbale oder visuelle Schnappschüsse von Menschen in blöden Alltagsituationen ist, dass sie berühmt sind für ihr Berühmtsein: Paris Hilton wie sie auf MTV ihr Bett, ihre Dusche, ihren begehbaren Kleiderschrank zeigt. Oder ein Fotoband mit den schönsten Modells vor dem Frühstück (mit der Illusion aufgeladen, man habe die Nacht zuvor mit ihnen verbracht). Diese Authentizitätshilfskonstruktion gilt auch für die entsprechenden Fotografen: Sie benutzen irgendwann, irgendwo irgendwelche Amateurkameras, und dies gilt als künstlerisch, weil sie keine selbstreflexive Medienkunst machen, die irgendwann früher rein durch den qualitativen Gebrauch des Mediums Fotografie – dokumentiert in teuersten und aufwendigsten Verfahren – definiert wurde. Ihre persönliche Story, ihre Autorschaft formuliert den Kunstanspruch. Sie werden von Kuratoren ausgestellt, die damit selbst auch vor allem ihr eigenes personal image pflegen. So steht ausgerechnet die Ontologie gegenüber den Bestrebungen der 1960er und 70er Jahre in der Kunst Kopf. Zynisch gesprochen: Bourdieus Kulturkapitaltheorie gilt seit 2000 als Manual für die Kunstarbeit. Soll man sich darüber etwa freuen? Die Rechnung zahlt die nächste Generation. Hier macht sich gerade jeder die Taschen fett – »da am Monopol«, wie Gustav singt. Muss irgendwie gefeiert werden. Aber an der Küste. Nachdem eine lange Strecke gefahren worden war. Mit einem Cabrio oder so. Irgendwie musste das doch gefeiert werden… Doch es war definitiv nicht sein Ziel. Konnte man nun etwa auch aus dieser verpfuschten Karriere schließen, wie man sich nicht verhalten soll, dann schien ihm darin doch ein erlösendes Moment zu liegen, dass die Schattenboxerei nun endlich erledigt war. An der Küste angekommen. Aus. Er würde nicht mehr versuchen, die Kunstwerke und Äußerungen anderer KünstlerInnen als strategische Setzungen zu begreifen, nicht mehr jedes Ereignis in der Hölle Kunst auf sich, auf seine Person, auf seine Kunstproduktion, seine Theorie, seine Karriere beziehen. Er war fertig damit. Irgendwie gefeiert werden. Aus Liebe zur Kunst, nicht deswegen, was man daraus gemacht hatte und fälschlicherweise darunter verstand.
Es braucht eine extreme Selbstbeherrschung, nicht lautlos zu schreien und transgressiv um sich zu schlagen. Eine Auszeit, (wie Aby Warburg sie sich genommen hatte oder etwa zwangsweise van Go.), wäre angebracht, dachte er. Aber das ist dann jenseits einer freien Entscheidung, oder. Und: kommt man so wirklich an der Küste an? Immer dieses Denken in Parenthesen.
Diesen Zustand, all dieses Systemgestammel musste ich in Bildern, in Fotografien, in Worten an die Wand bringen, in dem Zyklus: »Die Erweiterung des Alphabets«, das alles den eigenen Körper auf Schwarzweißfotografien buchstabieren lassen.
Wie hältst du das aus, Mann, wie hältst du das bloß aus: Wenn du aufstehst, willst du sofort loslegen, hey Gauloise!, noch schnell ‘ne Kippe anstecken und ‘nen Schluck Rotwein aus der Flasche, schon läuft die Kiste. Dann bekommst du Hunger, aber gestern hattest du keine Zeit zum Einkaufen. Überhaupt, was willst du mit gestern, vergiss gestern, Mann. Es ist doch alles immer viel mehr Arbeit, als man denkt. Die Stadt ist meine Sozialwollmilchsau. Gestern ist noch nicht morgen und wir vergessen die Zukunft nicht, in der die Vergangenheit ein kleines Zeitfenster war. Hauptsache alle haben ihre Stereotypen gelernt und die Vorurteile im Kopf einzementiert. Ein Baum egal. Ein Maßband, schon besser. Dazu ein Klemmbrett. Das ist das beste mir seit langem untergekommene Wort. Wörtchen. Gefeiert werden. Wie hältst du das aus. Gleich kommt der Galerist und dann müssen die Bilder ausgepackt und aufgehängt sein. Immer dieser Hunger: Schnell noch einen Espresso, weiter, der Magen piekst. Die Proofs im Labor abholen, zum Grafiker. Mittags ist ja Besprechung in der Redaktion; ich kenne einen Galeristen, der… Dann noch beim Werkzeugladen vorbei, und die Pizza mit Lisa aus dem Knall, die Musikredakteurin, nicht vergessen. Dann einen wichtigen Kunstfilm mit Vortrag des Künstlers, Mann, wie hältst du das bloß aus. Die anschließende Diskussion ist zum Abstinken belanglos und zum Abtanzen. Wer ist denn heute wieder alles hier. Jedes anständige Bürschchen und Mädel hat rausgeputzt seine passenden Pillen dabei, um artig fit zu sein. Und dann cool in die Bar oder nach Hause oder wo auch immer, schnell noch einen hoch kriegen oder richtig fett nass machen. Eine sich küssende Gemengelage, im Angesicht sexueller Identitätsmontur. Über ihn lehnt sich nun die andere Frau, streckt ihren Hintern weit nach oben, bevor sie seinen Schwanz einfädelt. Dabei schaut ihre Freundin zu, und küsst sie auf den Mund, ihr ihre Zunge tief in den Hals steckend, während er seine Gedanken ganz langsam aus dem Anus seines Freundes zieht. Gehört dazu. Gibt’s was zu erzählen. Dann, wenn du einschlafen willst, fällt dir pochend ein, was du heute/gestern/morgen vergessen hast: Macht nichts. Morgen, Mann, morgen. Und dann wieder gestern vergessen. Irgendwie feiern. Gibt’s was zu erzählen.
Doch hier von einer Krise zu sprechen, würde lediglich eine rhetorische Finte bedeuten; Midlife crisis, yo midlife crisis – why not (schließlich weiß ja niemand, wo die anfangen und wo sie aufhören soll). Denn das bedeutete nur, dass man nicht aus dieser wieder heraus kommen könnte: Burn out just in time. Die Spuren sind halt da, tief eingebrannt in die Seele, so wie die fehlenden Zähne und die vernarbten Venen bei einem langjährigen Junky – nur nicht so sichtbar. Eben das ANDERE. Tief drinnen. Kann fast keiner sehen. Doch er musste davon ausgehen, dass dies unter den veränderten Bedingungen zu einem Dauerzustand würde. Denn das Trügerische war, dass er mal für ein paar Jahre eine existenzerhaltende Stelle in der Kunstausbildung angenommen hatte. Er war da in eine Situation geraten, die er nie zuvor erfahren hatte. Dann hatten ihn viele abgeschrieben. Das ist halt so. Eine Hand wäscht die andere. Irgendwie endlich feiern. Gibt’s was zu erzählen.
Immer wenn er sich nun auf die Pirsch zu den konventionellen Kunstevents auf machen wollte – und er hatte seit seinem Begin mit der Kunst und seiner Arbeit in einer Galerie, seinen eigenen und vielen Vernissagen anderer schon etliche Events erlebt –, um einem sozialen Bedürfnis nachzukommen, spürte er eine blöderweise schwer formulierbare Niedergeschlagenheit bis, ja geradezu eine Abneigung davor. Die Ressource Interesse als Schlüssel für die ganze Story. Hier kommt die Ablösung des alten Kompetenz-Denkens – wissen, wie… und der ganze Scheiß. Kunst wird nicht lebendiger durch ihre guten Marktergebnisse, oder? Interesse ist die Mutter der Wahrnehmung, zwischen Science fiction und Kulturtheorie, dachte er, immer noch besessen von dem Gedanken, endlich, endlich ein Mittel gegen die innere Leere an der Küste gefunden, nein: formuliert zu haben: Es musste ganz bewusst formuliert werden, da half kein passives Finden.
Es mag befremdlich erscheinen, dass er gerade über Dinge nachdachte, die sonst eher keine Erwähnung finden, weil es dem Kunstbetrieb im doofsten Fall als nebensächlich, im schlimmsten Fall aber als überflüssig galt, sich über Beziehungen und den anderen Individual-Kitsch auszulassen, wenn es nicht zur unmittelbaren Imageproduktion diente. Das galt als schwächlich. Der ganze hier beschriebene Scheiß geht einem aber durch die Birne und gehört absolut zu den künstlerischen Produktionsbedingungen, auch wenn man vor allem in den großen Berliner Kunstgalerien&hallen so tut, als sei das Bockmist, solange du nicht ganz oben bist, Junge und Mädchen. Es handelt sich um verwegenen Trash, wie ich hoffe. Irgendwie. Und wenn Suizid – welch schönes Wort –, dann sind plötzlich alle so bestürzt. Schluss. Gibt’s was zu erzählen.
Natürlich kommt hier der Einwand, aber weshalb hast du das nicht adäquater formuliert? Warum kannst du das nicht mit korrekter Sprache sagen oder schreiben, so dass es möglichst vielen Interessierten zugänglich und verständlich ist – als Kritik; und: wenn du das distanzierter und geordneter formulierst, erreicht es mehr Leute und deine Argumente sind überzeugender. Aber: Im Hamsterrad irgendwie, oder.
Aber hier beginnt schon sein Widerspruch: Es ging ihm ja gar nicht darum, die Sprache an eine wie auch immer gemeinte und von wem auch immer gerade festgelegte und reglementierte Verständlichkeit anzupassen. Ihm ging es um eine möglichst verwegene Argumentation, deren limits durch etwas anderes gesetzt oder bestimmt werden sollten, die unheimliche Existenz im grauen Ganzen nämlich – das ist weniger eine beruhigende Feststellung für ihn als vielmehr eine persönliche künstlerische Herausforderung und existenzielle Baustelle. Manche glauben noch an die Erfindung, ist gerade wieder im Kommen, sage ich euch. Die große Erfindung dagegen: Der Alltag als Produktion. Jenseits des Rockzipfels der Altersvorsorge. Aber auch jenseits einer das Leben totalisierenden Ideologie. Irgendwie feiern. Ohne Rückspiegel. Wie schön.
Der Horror wäre in dieser Situation für immer fest zu hängen. Diese Angst verfolgt ihn überall im System. Schauderhafte, totale Trostlosigkeit. Macht einen verdammt krank das. An der Küste angekommen. Überall Beton. Irgendwie feiern zwischen Neon. Er ist gut dabei. An der Küste zwar. Aber am Ziel?
Stan Back, 2005