Stan Back
Luftblasen, Fußballidole und die Gewissheit einer hin und wieder auftretenden Traurigkeit

Der erste Hintergrundbericht über das härteste neoliberale Showgeschäft der Welt

1.

Ein bisschen Luftholen. Ein bisschen andere Optik.

Der Blick in den Fernseher bei der Begrüßung. Auf dem Weg zum Videostudio für die Nachtschicht schneit er kurz bei alten Freunden rein. Im Ersten Programm nimmt Beckenbauer gerade den Ehrenbambi entgegen.

Als er von der Bühne aufgerufen wird, sich zielstrebig den Weg durch die mit VIPs besetzten Tische und die ermunternden Zurufe bahnt, sieht man seiner Körperhaltung den lange getragenen Stolz und die seiner Person eingeschriebene Selbstsicherheit auf dem Medienparkett an. Schon seine Arbeit auf dem Spielfeld stach durch eine besonders gerade und – wie es hieß – elegante Haltung hervor; sein Rücken war bei allem körperlichen Einsatz immer aufrecht und sein Kopf mit den barocken Locken erhoben; seine sportliche Aktion bewegte sich innerhalb des Regelzulässigen und wurde von einer buchstäblich vorbildlichen Haltung mit sportlicher Fairness gekennzeichnet. Tausende Jungs nahmen sich diese Bewegungen zum Vorbild, buchstabierten jede seiner Gesten körperlich nach und spürten das Kribbeln im Bauch, wenn seine mit dem Außenrist-Effet geschlagenen Pässe den Stürmern in den Schuss passten. Die Fans trugen das Fußballschuhmodell »Beckenbauer« und leisteten als echte Fans damit ihren Götzendienst. Diese Geschichte hat er mit seinem Spiel geschrieben; sie ist im Sinne eines symbolischen Feedbacks jedoch auch seiner Person und somit seinem Körper eingeschrieben und prägte entscheidend sein Image, seine Medienidentität. Dazu gehörte auch seine Mannschaftsdienlichkeit wie sie sich heute etwa bei Beckham, Zidane oder Ronaldinho finden lässt. Diese Idolhaftigkeit nimmt seit den 1970er Jahren Einfluss auf die Fans, die sich Sport- oder Popstars als role models nehmen und den Style ihrer Existenz bis in kleinste Details dem ihrer Vorbilder anpassen. Das Besondere am Fußball ist die individuelle Körpersprache, die bei den genannten eine besonders lustvolle ist. Sie ist vergleichbar mit der Breakdance-Nachahmung der Fans von Michael Jackson. Wieweit bestimmen Stars und ihre habits das Leben von ihren Fans? Wenn man solche Bewegungen bei jüngeren Spielern wieder erkennt, realisiert man, dass der Stil des Stars ikonisch wird. Die Nachahmung passiert wie von unsichtbaren Strippen gesteuert.

Während der ihm angebotene Kräutertee in eine Tasse fließt und vor seinem Blick auf den Fernseher zu dampfen beginnt, kommt Beckenbauer auf der Bühne an und spielt die Auszeichnung mit dem Ehrenbambi gekonnt understatement-mäßig runter: Er sei auf dem Weg zur Bühne von mehreren in den Arm gebissen worden, weil die Bambi-Verleihung schon so lange dauere, dass die Leute extrem hungrig seien; er dankt und ab.

Der Kaiser, wie er auch genannt wird, spielt medienversiert mit der Situation: Seine erzählte Fiktion stellt seine Person in den Dienst der anwesenden Masse – er spricht mit der Stimme der Hungrigen, wenn dort auch niemand wirklich hungrig sein mag, ermahnt aber zum Existenziellen gegenüber dem Spektakel – und spielt so mit der medialen Situation. Das war früher auch seine Domäne auf dem Platz, die richtige Geste zum richtigen Zeitpunkt. Nur selten musste er für seinen sophisticateten Außenverteidiger, Breitner – den Ché der Nationalelf –, oder seinen Vorstopper, Katsche Schwarzenbeck, die brutale Drecksarbeit übernehmen. Dafür hat ein Kaiser seine Leute. Beckenbauers Code war die elegante Effektivität. Er hatte den Überblick und setzte selbst dem drögesten Spiel mit seinen spielerischen Gesten ein Sahnehäubchen auf, selbst wenn (oder gerade weil) sie erst im Kommentar danach und in der Zeitlupe akzentuiert und sichtbar wurden. Denn die Bayern zeichneten sich durch eine hohe Effektivität aus, was ganz im Gegensatz zum heute aktuellen One-touch-Spiel steht: Ein oft langweiliges, doch kraftsparendes durch Ballhalten gekennzeichnetes Spiel wurde in wenigen schlauen strategischen Zügen für sich entschieden. Das mochten viele nicht an den Bayern. Denn sie trugen dazu auch noch einen gewissen Stolz zu Markte, der vor allem nach Niederlagen als Überheblichkeit interpretiert wurde.

Die Mannschaft von damals setzte sich vor allem aus süddeutschen Jungs zusammen. Inwieweit war dieses Team schon ideal gestylt für eine mediale Reproduktion? War Bayern die erste deutsche Mannschaft, in der alle einen Streetfighternamen hatten: der Kaiser, der Bomber der Nation, die Katze von Anzing, Bulle Roth etc.

»Einer wie ich« war ein Fußballidol. 1976. Er mochte Netzer, den Alain Delon des deutschen Fußballs, oder auch den Revoluzzer Breitner. Doch sein Fußballer war Beckenbauer, denn der verband in seinen Augen eine Kombination aus Schnelligkeit, Überblick, cooler Eleganz, Strategie und reiner körperlicher Lust zu einem widererkennbaren Stil. Der Kaiser des deutschen Königs Fußball. Heute ist der Kaiser ein Fußballclub-Pate, der im Werbeclip eines Mobilfunkanbieters mit viel sagendem Seitenblick und der Operndiva Netrebko auf einem glitzernden Schlitten entschwebt: O2 you can do. Werbeimages sind Luftschlösser. Luftschlösser sind Wahngebilde. Und Wahngebilde halten mich immer noch bei der Stange. Fußballclubs waren mehr als Markenlabels oder in unsere Schulbänke geritzte Vereinswappen.

2.

Bei der Arbeit an einem Filmskript hatte sich schon mittags sein Handy bemerkbar gemacht: eine SMS kam rein. Es gab Karten zur After-Bambi-Verleihungsparty zu gewinnen, man musste nur diese SMS zurücksenden. Was hat sein Telefonanbieter während seiner deregulierten – weil unbezahlten oder auf Rückstellung basierenden – kreativen Arbeit mit Beckenbauer, der Bambi-Verleihung und seiner Lebenszeit zu tun? Die kurze Werbeunterbrechung seiner Arbeit bedeutet nur einen momentanen Aufmerksamkeitsverlust, denn die SMS könnte auch eine wichtige private oder professionelle Information sein. Doch sie muss auch verwaltet, sprich gelöscht werden und die Aufmerksamkeit muss wieder zurück auf das Manuskript gelenkt werden. Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen potenziell mobiler Kommunikation und Zeitinvestition? Zwischen dem Handyanbieter, der öffentlichrechtlichen Fernsehausstrahlung, der Bambi-Verleihung durch den Medienunternehmer Burda, den Pursuit-of-happiness-Popstars und der VIP-Party dreht sich das Rad der zirkulären Referenz und generiert mehr und mehr kulturelles und soziales Kapital. Der Zutritt für Kunden des Telefonunternehmens erst zur After-Event-Lounge-Party – diese säuberliche Trennung zwischen familiärer VIP-Preisverleihung und semiöffentlicher Party mit ausgewählten Kunden der beteiligten Werbeträger – ist der krasse Sinn der gegenwärtigen Pop-Gesellschaft. Dies stellt nicht nur ein spitzes Kalkül des Kapitalismus gegenwärtiger Prägung dar, sondern auch gerade den besonderen Reiz für die Kunden. Denn wie cool ist es eigentlich, sich zuerst visuell an der Sendung im TV aufzugeilen – jetzt kennt man das Star-Aufgebot –, um dann wibbelnd vor Freude zur In-Familie von Großverleger Hubert Burda zu stoßen. Das ist der ultimative Ausgehabend in München. Geht nicht anders. Erst muss die Ich-Ag etwas Who-is-who-Reproduktion vorm TV betreiben, bevor sie in der Lage ist, in das produktive Party-Zeitfenster zu steigen – das ist wichtiger als Koks: soziale Netzwerke flechten und aktiv auf dem Laufsteg des deregulierten Sozialambientes die gestylte Existenz zu Markte tragen: Zum Sozialpatchworken mit Aussicht auf das sehnlichst erhoffte aktive Vernetzen, anstatt wie früher auf das passive Entdecktwerden zu hoffen. Nichts anderes ist heute mit Massenluxus gemeint als diese Fantasie. Das ist das Bündel Fressen, das dem Esel an einem Stock vor die Nase gehalten wird. Er rennt hinterher, ohne es je zu erreichen.

Bekanntermaßen ist das in der Kunstwelt ähnlich; in München beginnt mit der Vernissage auch schon das Getuschel, wer mit auf das anschließende Essen darf und wer nicht. Eigentlich ist das völlig egal, da sich alle Institute vor Jahren auf dasselbe Restaurant geeinigt haben, und man einfach hingehen könnte. Allerdings gestaltet sich die Vernissage unter diesen Bedingungen zu einem hochparanoisch neurotischen Panopticon. Dieses Spiel der gesellschaftlichen Exklusion hat in München einen besonderen Stellenwert. Hier trimmt sich die Verbindung von institutioneller Macht, Popularität oder Populismus und Repräsentanz zu einer Sitcom. Wie viele Menschen kennt hier eigentlich jede/r, die einen Grad an persönlich-privater Zerstörtheit durch berufliche Unterdrückung erreicht haben, der sie kaum zwischen Museum und Luftschloss unterscheiden lässt. Die eigenen Idole kennt man; die unsichtbaren Fäden jedoch, die einen nach deren Gesten tanzen lassen, gilt es zurückzuverfolgen; wenn man nicht schon in den Luftblasen wohnt, ist man dazu noch in der Lage. Interessanterweise spielen gerade deutschlandweit die Galerien ganz fett mit, die noch vor zehn Jahren diejenigen KünstlerInnen unterstützt haben, die Formen der Marktkritik und genau jene Exklusionsmechanismen untersuchten.

Der unpassende Vergleich zwischen Fußball und Kunst ist hier durch eine einfache Gleichsetzung möglich: Das Fußballballet eines Idols wird von tausenden Fans imitiert, auch die Gesten von Künstlerstars werden von vielen nachgeahmt. Das Fußballballet wird mit dem Körper getanzt, und der künstlerischen Geste wird institutionell eine ontologische Originalität eingeschrieben.

In die Münchener Diskothek P1 kommen die Bayernstars angeblich immer rein. Da man einen hohen Frauenanteil anstrebt, kommen gut gekleidete und attraktive Frauen auch immer rein. Alles klar? Was müssen denn KulturarbeiterInnen unternehmen, damit sie überall reinkommen? Im Management werden die Führungskräfte ins Reality-Training geschickt, damit sie den täglichen Wettstreit zu checken lernen. Das Vokabular, in dem sich das persönliche Begehren mit der PR überschneidet, ist schnell aufgezählt: »Transforming visions into reality now: Karriere. Eine super Vision! Neue Perspektiven. eBusiness Development. Welcome to innovation«…

Wer hat das wieder zusammengestammelt? Wovon ist hier eigentlich die Rede?, Fragt eine Passantin irritiert, deren Gesichtsausdruck ein Interesse für Pädagogik verrät.

»Klar ist jeder Mensch ein Star. Nur nicht jede/r hat eine super PR. Deshalb wird er/sie nicht als Star gemacht.«

»So ein Eso-Quatsch. Kein Mensch ist ein Star. Der Schlüssel ist heute Kommunikation. Talent ist nur der jeweils zeitgenössische Ausdruck für eine Potenzialität. Überall und jederzeit kommunizieren, auch gerne in Konferenzschaltungen. Die Stunde des Mobilfunks. Die elektronisch übermittelte Sprache stellt in der Selbstvermarktungsökonomie der freelancer das wichtigste Werkzeug zur Verfügung. Und wenn das so weitergeht mit dem Neoliberalismus, dann gibt es bald nur noch freelancer.«

Deshalb ist das Werbezeichen von »O2« ein geiles Bild: die weißen, sich bei der Bewegung zum oberen Bildrand verformenden Luftblasen transportieren in ihrer simulierten Materialität die stärkste Metaphorik für das gegenwärtige Arbeitsdispositiv: soziales Networking. Eben nicht die sich verquirlenden Dampffäden, die aus seiner Teetasse aufsteigen.

Er blättert im Spiegel: Eine blonde Schauspiel-Walküre telefoniert mit derselben Handy-Körperhaltung mal im weißen Kleid in Business-Atmo und auf der nächsten Seite im weißen Bademantel, verkörpert mit ihrer ikonischen Handhaltung, die die ganze Körperhaltung prägt, die legere Doppelexistenz der Gegenwart: die Kreuzung von produktiver und reproduktiver Existenzseite ist nur mit der allzeit bereiten Kommunikation möglich. Deshalb zählt: »Telefonieren, so oft man will.« Auf der nächsten Seite findet sich an der gleichen Stelle die gleichformatige Anzeige mit dem Slogan: »Telefonieren, so lange man will«, oder für Kontrollfreaks: »Telefonieren mit Kostenkontrolle«; nur die Kleidung der Walküre hat sich geändert. Sie ist die Säulenheilige des Layouts.

In der Melange zwischen Luftblasen, die das Medium Wasser benötigen, um sichtbar zu werden, und der hyperblauen Atmosphäre des Ambientes kommt es zu einer alchemistischen Verbindung zweier Element. Dies ist die Geheimrezeptur dieses Kommunikationsanbieters: das quecksilbrige Blubbern. Die zeitgenössisch rhetorische Verbindung von Einfall, Innovation, Vision und die immaterielle Arbeit ihrer kommunikativen Realisation.

Es kommt nicht nur auf die Möglichkeit an, sondern auch auf die Unbegrenztheit der Kommunikation; es darf keine Limitierung geben. Es kommt zu einer idealtypischen Koppelung zwischen persönlichem Begehren und neoliberalem Freiheitsideal. Es sei denn, es wird für den Telefonanschluss ein Disziplinaraspekt impliziert, wie bei Firmen- oder Kinderanschlüssen. In beiden Fällen soll die Kontrolle die Maßlosigkeit der Kommunikation verhindern (daraus folgt: Angestellte sind wie Kinder zu behandeln). Es gibt also doch ein Kontrolldispositiv, das sich hier ökonomisch legitimiert. Dieser Chic des freien Telefonierens wird bei Multimediahandys um den potenziellen Aspekt des Surfens erweitert. Die Metapher des Surfens ist ebenso erfolgreich wie falsch – da es sich um eine datengestützte Kommunikation mit dem Angebot des Internets handelt. Die Aspekte des Wellenreitens passen in keiner Weise auf das Internet, verhilft ihm jedoch zu einer werbewirksamen Visualisierung: Internetkommunikation = Surfen, Jugendlichkeit und körperliche Freiheit am Strand, das Fließen und Blubbern des Wassers. Das Ideal der Reproduktion. Diese Metapher gilt seit dem größten Surffilm »Endless Summer« als die ultimative Verheißung der Westcoast-Ideologie.

In Kombination mit dem Hintergrundblau und einem fein gefilterten Soundteppich zielt der TV-Werbeclip auf eine besondere Wirkung: eine seltsam saubere, blubbernde und gleichzeitig kreative Atmosphäre tut sich auf – ein weißes Ambient vor blauer Atmosphäre. Die Bilder sind gestochen scharf, ebenso wie die nach oben blubbernden Luftblasen. Sie widersprechen der realistischen Wahrnehmung. Die Comicblasen nehmen hier gleichzeitig eine Kommunikations- und eine Denksymbolik auf. Das Medium, in dem sich sowohl ein Distanzgespräch als auch die blubbernden Ideen befinden, ist immateriell. Aber noch lange nicht prickelnd. Hauptsache das Ambiente stimmt. Und das hat man, sobald man mit diesem Unternehmen arbeitet. ICH will aber nicht immer arbeiten. ICH will nicht mit meiner Bahncard shoppen gehen und »Bonus-Herzen« sammeln oder in »First Class Luxushotels« unterkommen. ICH will auch nicht mit meiner Kreditkarte für ein »Robbie Williams-Konzert VIP-Tickets gewinnen«. ICH möchte die Trennung zwischen Spiel und Realität aufrechterhalten. Ihm erscheint es als Problem, dass seit der Nivellierung zwischen Spiel und Arbeit, Reproduktion und Produktion in der immateriellen Produktion das ganze Leben zu einem panoptisch beobachteten Versuchsaufbau wird. Kein Platz mehr für Party ohne Panopticon. Massenkontrollverlust auf Partys war in den 90ern. Im Gegenteil spielt heute der inszenierte und medial reproduzierte Kontrollverlust einen wichtigen Imagefaktor. Parallel mit der Sexualisierung der Gesellschaft – der Aufwertung der Darstellung bei gleichzeitiger Abnahme des praktizierten Sex – hat sich eine krasse Lust an der Kontrollgesellschaft durchgesetzt, die in der Dominanz der Zeitlupenanalyse im Fußball ihre größte Ästhetisierung findet. Während die Party, die Sauna und das Ausgehen zu einem besonderen Beobachtungsfall wurden. Die VIP-Partys sind die Visitenkartenaustauschbörsen. Der Safer-Who-is-Who-Klatsch hat den Drogenkontrollverlust verdrängt.

Das Geblubber der immateriellen Arbeit hat die konkrete Form sowie eine konsumierbare Ware ersetzt. Das für »O2« ikonisch weiße Blubbern vor blauem Hintergrund ist selbst zur optimalen Warenform geworden; es bedarf keiner Verpackung mehr. Das Layout und das Webdesign ist die zeitgenössische Verpackung. Was man visualisiert, ist die reine Luft der leeren Sprech- oder Denkblasen, in denen sich die Ideen transportieren. Das Comic-Element hat den Alltag erreicht. Am liebsten in der Stahlbadewanne mit einem Powerbook – hey, Gauloise! Im wohlig warmen Wasser liegen und durch die Maschine mit der Welt kommunizieren. Ist man allerdings erst mal drin, wird jeder Online-Aussetzer als faux pas gewertet.

Die Existenz wird psychedelisiert, bewusstseinserweitert in Warenform: Die Kommunikation lässt sich kaum noch zwischen privat und geschäftlich unterscheiden und ist zum kreativen Gestaltungsmittel des Sozialen geworden. Allerdings bleibt man körperlich für sich. Körperlich allein, eine ganze Familie in einer Person. Und sie kribbeln, die Luftblasen am Körper.

Vom Sport-Idol Beckenbauer zum O2-Blubbern mit Surf-Ästhetik oder zum Videoclip des Soulsurfer-Superstars Jack Johnson sind es nur ein paar perlende Blasen, oder sind es symbolische Schweißperlen, oder gar immaterielle Tränen, die ihrer Traurigkeit entleert, nun nach oben steigen, sich verflüchtigen? Alles falsch herum? Alle Drei dienen als Signifikanten des sprudelnden neoliberalen Subjekts, aus dem die letzte Existenz herausquetscht wird.

Sein Traum beim Betreten der U-Bahn: Die Unterwasserluftblasen immaterialisieren das zeitgenössische Werbeklischee, das die Arbeit heute bei einem viel versprechenden Blick in den Ausschnitt von leger gekleideten jungen, lächelnden Blondinen selbst erledigt und Mann surfen gehen kann in diesem wunderbar blau perlenden Wasser. Keine Spur von Ölseuchen in den Meeren oder der brutalen Wasserwalze, die Surfer eine unendlich erscheinende Zeit auf den Meeresgrund drücken kann oder den beim Surfen gebrochenen Rippen. Diese Werbung erzeugt ein hygienisch sauberes akustisch-visuelles Feeling von Abgehobenheit. Die Werbestrecken und Clips sind Lustreisen in das neoliberale gewaschene Ambient. Kaum eine Werbung über Mobiltelefone oder mediale Kommunikation arbeitet gegenwärtig ohne diese Kumulation von privater und öffentlicher Sphäre. Der Wunschtraum der gesellschaftlichen Veränderung ist Realität geworden: Wir leben in einem permanenten Freizeitangebot der kreativen competition; auf Teufel komm raus wird gelogen, dass das alles auch noch Spaß mache. Weil man sonst ja zugeben würde, dass man sich mit irgendeinem strange puritanischen Arbeitsethos selbst quält, was ja wohl das Unsexiste ist, was man im Ambient von sich geben kann auf dem Laufsteg des Dauerbewerbungsgesprächs in der Pop-Gesellschaft. Hauptsache, da kommt eine gute Ergebnisentwicklung bei heraus.

3.

9 Uhr. Wie gelähmt steht er in der U-Bahn.

Ein Mann, den er auf dem Bahnsteig als Ted eingestuft hatte, steigt mit ihm in die U ins Westend. Kaum schließen sich die Türen, plappert der los:

»Die armen Menschenkinder werden aus ihren Wohnungen rausgeworfen, wenn sie ihre Miete nicht zahlen können.«

Seine Rede scheint völlig dem gut rasierten, genährten und klar dreinschauenden Gesicht zu widersprechen, denkt er aus dem Buch aufschauend, seine Stimme ist klar mit leicht fränkischem Akzent.

»Wenn die Menschenkinder sich dann wehren, stecken sie die Richter in die Nervenheilanstalt oder die Ärzte ins Gefängnis. Die armen Menschenkinder.«

Sein Blick streift den der ihm gegenübersitzenden Studentin. Der Redner ist harmlos und redet keinen Quatsch. Das sagt der kurze Blickkontakt.

»Weshalb hilft denen denn niemand? Die Mutter Gottes, Maria, könnte ja, wenn sie wollte. Aber die Maria, die alte Lügnerin, sorgt nur für ihren Sohn, nicht für die armen Menschenkinder. Die werden nämlich von den Polizisten gejagt und von den Richtern ins Gefängnis gesteckt, oder in die Nervenheilanstalt. Die Maria, die alte Verräterin, hat doch was ganz anderes versprochen.«

Beim Aussteigen geht er an dem Performer vorbei und denkt, dass viele Künstler sich solche Situationen wünschen, es hört ihnen jemand zu, und sie erreichen die Öffentlichkeit der Straße. Diesem Mann geht es jedoch nicht um Kunst. Was ihn zu dieser Performance treibt, ist die blanke Existenzangst. Sie funkelt in seinen einfach direkten Worten und seiner theatralischen aber ganz unintendiert künstlerischen Rede.

Es gibt eine Dichtung, die mit einer Poetik jene Traurigkeit reflektiert. Dabei spricht eine Rhetorik der existenziellen Angst, die tiefer und weiter geht, als durch irgendeine Rechtschreibreform definierbar. Das klingt anders als der Schrei der Neocons nach Kindern und Familie, weil die DEUTSCHEN angeblich aussterben. Wer sind denn die Deutschen, wenn nicht diejenigen, die einen deutschen Pass haben. Aber wie können die denn aussterben? ICH will weder deutsch sein, noch will ich im Sinne dieses Neudeutschseins eine Familie gründen und viele Kinder haben, selbst wenn sich die Kulturschaffenden der Feuilletons gerade als die Agenten des Kinderkriegens gerieren. Leute, last euch nicht verschaukeln und für oder gegen Dinge versichern, die ihr nie im Leben besitzen werdet und die euch nie passieren werden. Vor allem verschwendet nicht eure Lebenszeit für diese simple minds des Kapitalzuwachses. Es ist bedrückend genug, dass diese Krämerseelen die globalisierte Welt regieren, die den ganzen Tag an nichts anderes denken als die Vermehrung ihres Kapitals durch immer bessere und sichere Aktien. Hühnergrippe oder eine Panepidemie, unmittelbar drohende Kündigung, dabei keine sichere Rentenversorgung, im Fußball die unaufhörliche Bundestrainerkritik und der Wettskandal. Er gehört zur Klick-Generation; ein Klick und etwas gehört uns. Er pflegt im Gegensatz zu Beckenbauers Gentleman-Habitus der Fingerschnipp-Generation den Prolochic, der nicht wirklich prolo ist. Aber wenn Beckenbauer so über seine Kontrahenten von einst spricht, läuft es immer auf ein »Ja, jetz sin mer halt Freunde« hinaus. Prolo ist dagegen aufregen bis zur Cholerik in der Alltagskommunikation. Das Entzünden des Temperaments an den schönsten Nebensächlichkeiten wie dem Fußball. Dies ist durchaus als männliche Hysterie zu verstehen, eine ganz bewusst überzogene und manchmal hemmungslose Übertreibung. Positiv konnte dies in totale Begeisterung, aber dagegen negativ in absoluten Ärger bis zu Frust reichen. Dies hat dann nichts zu tun mit dem feinen Rinnsal der Traurigkeit, denkt er, während er aus der U-Bahn aufsteigt.

Was ist der Preis des Ruhms? Bei einer Kampagne wie »Ich bin Deutschland« mitmachen zu müssen, weil die eigenen Karrieredesigner das entscheiden. »Hubert Burda Media unterstützt die Kampagne „Du bist Deutschland“« (kleine Anmerkung am Seitenrand); was denkt dazu wohl der literarische Säulenheilige des Hubert Burda, Peter Handke? Liebe Anne Will oder lieber Franz Beckenbauer. Euch, denen die Euros aus dem Arsch fallen, habt es nicht nötig, euch von Kripobeamten die Geschwindigkeitsprotokolle wegfischen zu lassen. Wie will man denn dem Mann oder der Frau von der Straße erklären, dass dies eine korrekte Sache ist? Wenn nicht diejenigen ihre Knöllchen bezahlen, die das Geld ganz fett auf der Naht haben? Wenn diese Leute zu ihrer Popularität und ihrem Reichtum auch noch Straferlass durch manipulierende Fans bei der Polizei bekommen, nähert sich dieses System auf unerträgliche Weise einer Meritokratie. Das lässt sich jenen Menschen nicht erklären, die schon durch ihre Herkunft benachteiligt sind und dazu noch schwerlich Zugang zu Bildung und Karriere bekommen, ganz zu schweigen von einem Job, einem kleinen existenzerhaltenden Job. ICH bin ein Teil von Deutschland, weil das in meinem Pass steht, aber ich lege keinen Wert auf Vorbilder wie Beckenbauer, deren Bildhaftigkeit ihr Menschliches wie eine Geschwindigkeitsübertretung ausschließt, da dies nicht ins Bild passt oder weil er zu feige ist, eine Übertretung zuzugeben und die Konsequenzen zu tragen. Ich lege keinen Wert auf Verleger, die die Standortlüge Deutschland aufrechterhalten, obwohl sie ganz genau wissen, dass es kaum noch »deutsche« Unternehmen gibt, und schon gar keine »deutsche« Produktion mehr denkbar ist, weil sich das Kapital längst globalisiert hat, das heißt die Betriebe von internationalen Anlegern besessen werden. Es muss einem Verleger leicht fallen, Sharity-Veranstaltungen als CI-Design auf Partys zu machen, und für Deutschland Werbung, wenn die VIPs darauf angewiesen sind mitzuspielen. Aber weshalb spielen da auch gute Menschen mit wie die Tagesthemen-Sprecherin Anne Will? Ist sie dann nicht offensichtlich doch nur eine Gutmenschen-Sprecherin und -Spielerin ohne eine politische Position, auch wenn uns ständig in der Berichterstattung – oder soll man es PR nennen – vorgegaukelt wird, dass sie sich für die Unterprivilegierten der Welt einsetzt? Ach ja, er vergaß, alle koalieren mit allen. Es gutmenschelt wieder. Die Millionäre und Milliardäre nehmen jährlich extrem zu, während sich immer mehr Menschen um die Existenz kloppen. Wenn ein Bankchef im letzten Jahr eine Gehaltserhöhung von 2 Millionen auf zwölf Millionen Euro bekommt, während ein paar tausend Stellen gekürzt werden, kann das nur als »Smartsourcing« des Machtkartells bezeichnet werden. Während die Banken und Betriebe eine extreme »Entlassungsproduktivität« entwickeln, verlagern alle Betriebe ihre Produktion in absolut deregulierte Länder, solange sie dort die liberale Freiheit der brutalen Ausbeutung genießen können. Traurig macht, dass das eigene Handy mit diesem Blutzoll triumphiert. Blutverschmierte Hände und Ohren.

Auf der Party zum exklusiven Burda-Symposion im Bayerischen Hof treten nachts drei Kunstschwimmerinnen auf, die an ihren Badeanzügen vor dem Ausschnitt Bunte-Sticker tragen: ein Deregulations-Blubberblasen-Ballet hoch über den Dächern von München. »Der Alte ist sich für nichts zu schade,« bemerkt ein Zuschauer witzelnd. In dieser Landschaft sozialer Gewalt ist es entscheidend, nicht mehr die Harald Schmitt-Show der Lektüre eines Sol LeWitt-Buches vorzuziehen. Die aus den Fingern gesaugten und an den Haaren herbeigezogenen Pop-Geschichten taugen nicht mehr zum Alltagsentertainment. Soziales Zusammenhalten scheint die letzte Handlungsmöglichkeit in diesem Panopticon. Nur wenn man Freunde hat, kann man sich dagegen entscheiden, eine halbrichtige Position ein- oder hinzunehmen, anstatt die richtige Idealität zu entwickeln. Dann stützt man nicht das Bestehende, um selbst mitspielen zu müssen, und man nimmt nicht mehr in Kauf, dass es weiter existiert. »Die mobile Generation wechselt zu O2« Eine hin und wieder auftretende Traurigkeit kann die Möglichkeit bergen, dass auch das selbstgerechteste Erfolgs- und Machtsubjekt ab und zu einen Aussetzer hat – das heißt von seiner institutionell erzeugten und abgesicherten Macht distanziert wird – und das eigene Tun als falsch betrachtet. Der Schlüssel öffnet die private Fabrik. Ein Bad einlassen und Freunde anrufen.

Stan Back (2006)