Stan Back
book + music release: The Ups and Downs of Stan Back

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The artist Stan Back disappeared three years ago in Costa Rica. The American cultural scholar Jules Beauregard found the documents published here on the artist’s laptop – texts, photographs, drawings, music recordings and videos. The material annotated with editorial remarks was apparently meant to be published.

In a cross-medial fashion, the book combines different cultural formats by means of QR codes – a story unfolds. In 1985, Jean-François Lyotard wrote: “The media market creates a tyranny of opinions, and the criterion of  ‘success’ makes any kind of respect disappear: respect for life, death and nature, feelings and knowledge – respect for humans.” And in 1994 Hakim Bey concluded: “The spasming of the simulated state will be ‘spectacular,’ but in most cases the best and most radical tactic will be to refuse to engage in spectacular violence, to withdraw from the area of simulation, to disappear.”

The existential entwinement of the artist-subject in efficiency-thinking dominated by market logic, image and label politics is currently determining work in the field of art on a global scale. Put under pressure, artists are sacrificing their knowledge to career calculations. The consequence of this nervous politics can most likely only be to disappear.

If one listens to the poetic beat of the artefacts, photographs, drawings, and texts, and thus of the entire narration merely as the liner notes of Stan Back’s music album “The Ups & Downs of a Hermeneutical Transvestite,” an inextricable dissonance arises: It eludes a catchy PR rhetoric. The album contradicts conventional commodity aesthetics in that these liner notes perform a strategic maximization of complexity.

Stan Back’s bustling life represents a socio-critical approach that grasps the strong commercialization of art and culture since the year 2000 as an abolishment of artistic freedom. He felt extreme discomfort on account of his own untimeliness. Neoliberal complacency drove Stan Back into the post-hysterical heart of darkness.

(deutsch)

Der Künstler Stan Back ist vor drei Jahren in Costa Rice verschwunden. Auf seinem Laptop fand die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Jules Beauregard die hier veröffentlichten Dokumente – Texte, Fotografien, Zeichnungen, Musikaufnahmen und Videos. Offensichtlich war das von ihm mit editorischen Hinweisen versehene Material für eine Publikation vorgesehen.

Im Buch verbinden sich crossmedial unterschiedliche kulturelle Formate mittels QR-Codes – eine Story entwickelt sich. Jean-François Lyotard schreibt 1985: „Der Medienmarkt schafft eine Tyrannei von Meinungen, und das Kriterium des ‚Erfolgs’ lässt jegliche Achtung schwinden: die Achtung vor dem Leben, dem Tod und der Natur, den Gefühlen und dem Wissen – die Achtung vor dem Menschen.“ Und Hakim Bey folgert 1994: „Das Zucken des simulierten Staates wird ‚spektakulär’ sein, aber in den meisten Fällen wird die beste und radikalste Taktik sein, sich spektakulärer Gewalt zu verweigern, sich aus dem Feld der Simulation zurückzuziehen, zu verschwinden.“

Das existenzielle Verwobensein des Künstlersubjekts in ein von Marktlogik, Image- und Labelpolitik beherrschtes Effektivitätsdenken bestimmt gegenwärtig global die Arbeit im Feld der Kunst. Gehetzt opfern Künstler_innen ihr Wissen einem Karrierekalkül. Vermutlich kann die Konsequenz dieser nervösen Politik nur noch das Verschwinden sein.

Hört man den poetischen Beat der hier versammelten Artefakte Fotografien, Zeichnungen, Texte und somit die gesamte Erzählung lediglich als Linernotes für Stan Backs Musikalbum „The Ups & Downs of a Hermeneutical Transvestite“, dann gibt es eine unauflösbare Dissonanz: Sie entziehen sich einer eingängigen PR-Rhetorik. Das Album widerspricht einer konventionellen Warenästhetik, indem diese Linernotes eine strategische Komplexitätsmaximierung betreiben.

Stan Backs umtriebiges Leben repräsentiert einen gesellschaftskritischen Ansatz, der die starke Kommerzialisierung der Kunst und Kultur seit dem Jahr 2000 als eine Abschaffung künstlerischer Freiheit verstand. Dabei fühlte er ein krasses Unbehagen aufgrund seiner eigenen Unzeitgemäßheit. Neoliberale Selbstgefälligkeit hat Stan Back ins post-hysterische Herz der Finsternis getrieben.

Introduction/Vorwort Jules Beauregard

all texts, music and drawings by Stan Back

ed./Hg. Stefan Römer, Renate Wiehager 

Graphic Design fernkopie, Berlin

font/Schrift: Fakt

Format 165 x 240 mm

80 pages/Seiten, partial colour & crossmediale QR-Codes

© Stefan Römer, Berlin 2013

first edition 600 copies

ISBN 978-3-86485-050-9

Textem Verlag

Gefionstr. 16, D-22769 Hamburg

a-musik

Kleiner Griechenmarkt 28-30, D-50676 Köln

Erklärung der Nachlassverwalterin Jules Beauregard

»Fast zu verglühen drohend, ganz nahe am Magma des kreativen Kerns, wenn es denn einen solchen gäbe. Diese Aufzeichnungen sind Fühler, die ganz tief, vielleicht zu tief in die Institution hinein tasten, in die Psyche und die sozialen Beziehungen, die selbst nichts anderes als die Institution konstituieren.«

(Stan Back, im Kapitel: »Ich ist ein sensibler Fühler«)

Nur wenige Tage hatte ich das unbeschreibliche Vergnügen, mit dem Künstler Stan Back zusammenleben zu dürfen. Ich habe ihn auf einer Fähre in Costa Rica getroffen. Daraus entwickelte sich eine persönliche Beziehung. So kurz unsere Bekanntschaft war, so intensiv waren die in einem einsamen Stranddorf verlebten Tage. An einem Tag mit sehr hohen Wellen kam er nicht vom Surfen zurück. Da ich mit ihm das Hotelzimmer teilte, übernahm ich seine Habseligkeiten. Darunter befand sich auch sein Laptop, auf dem ich die hier veröffentlichten Dokumente fand – Texte, Fotografien, Videos, Zeichnungen und Musikaufnahmen. Offensichtlich war vieles von ihm für eine Publikation in einem Buch vorgesehen, denn sie waren mit editorischen Hinweisen versehen; allerdings handelt es sich insgesamt um ein Konvolut von etwa achthundert Seiten. Mir erscheint Stan Backs Nachlass wertvoll, weil er eine hohe Relevanz für die zeitgenössische Kunstdiskussion hat. Auf eine ganz spezielle Weise überwindet er die Grenze zwischen fiktiver Belletristik und theoretischem Sachtext in einer Art Selbst-Ethnographie. Nicht sein Ego stellt er dabei in den Mittelpunkt, wie es so oft in der Popliteratur geschieht, sondern die Sprache der menschlichen Beziehungen und deren Echos. In aufgezeichneten Gesprächen mit Freunden finden sich detaillierte Beschreibungen des zeitgenössischen Kunstbetriebs und in seinen Ängsten und seinen Interessen spiegelt sich die affektierte Deregulation des künstlerischen Lebens. Sein Selbst wird – so romantisch es klingt – zu einer existenzialistischen Raumsonde im Niemandsland künstlerischen Wettbewerbs. Stan Backs umtriebiges Leben steht für einen gesellschaftskritischen Künstler, der die starke Kommerzialisierung der Kunst und Kultur der 2000er Jahre immer mehr als eine Abschaffung künstlerischer Freiheit verstand; er fühlte ein krasses Unbehagen wegen seiner eigenen Unzeitgemäßheit. Stan Back treibt die neoliberale Selbstgefälligkeit ins post-hysterische Herz der Finsternis.

Für die Herausgabe der gefundenen Dokumente nehme ich mir die Freiheit, die unterschiedlichen Mediengenres in einem Film zu mischen. Am Ende wünsche ich mir, dass sie dieses Konvolut von Manuskripten lesen wie einen Roman:

»Ein Roman ist nicht die Beichte eines Autors, sondern die Erforschung dessen, was das menschliche Leben bedeutet in der Falle, zu der unsere Welt geworden ist.«

(Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, übersetzt von Susanna Roth, München 1984, S. 212)

“2nd Class Life” - free download on

http://soundcloud.com/stan-back

»In einer anderen Zeit hätte ich mich wahrscheinlich damit zufrieden gegeben, Mädchen und Katzen zu filmen. Aber man wählt sich seine Zeit nicht aus.«

Chris Marker (Wandtext in der Ausstellung: Abschied vom Kino, Zürich 2008)

Bonn von Mangaroca aus

Zur Entstehung einer Ausstellung und was in den 80ern sonst noch so zählte.

Ein einfaches, typisches Bonner Wohnhaus in einem innerstädtischen Wohnviertel zwischen Bahnhof und Botanischem Garten. In dieser Heinrich Böll-artigen Umgebung glaubt man täglich hinter den Gardinen den Weihnachts-Gesang der Erzählung »Nicht nur zur Weihnachtszeit« zu hören. Mit einer kleinen Leuchtreklame sticht die »Galerie Klein« wie ein voller Aschenbecher aus der Efeu umrankten Spießerfassade dieses Viertels heraus. Nachdem seine Ausstellungen mit Joseph Beuys und anderen in den 1980er Jahren sehr erfolgreich wurden, hatte der frühere Bibliothekar Erhard Klein nach und nach mehr Zimmer zur Galerie umgewandelt. Er lebt und arbeitet nun hier als Galerist mit seinen beiden Söhnen und Katzen; seine Frau ist ausgezogen. Die Wände seines Schlafzimmers dekorieren Warhol-Gemälde und Beuys-Arbeiten.

Wenn es in der Galerie etwas zu tun gibt, ruft der Galerist Freunde aus dem Umfeld der Independent Band »Lost in Mekka« an. Nun soll eine Ausstellung abgebaut werden und der Künstler der nächsten Ausstellung in der Galerie seine Bilder malen. Das hatte ich schon mit Herbert Achternbusch erlebt, der eine Woche lang Zeitungsseiten bemalt und beschriftet hatte. Wir besorgen Leinwände und Farben; der Galerist will nur das beste Material. Schließlich müssen wir auch den Künstler holen, denn er ist nicht mit den versprochenen Gemälden fertig geworden, hat noch nichts gemalt, nicht mal angefangen. Deshalb folgt nun eine vom Galeristen verordnete Kreativ-Kasernierung.

Zu den Atelierbesuchen bei seinen Künstlern lässt sich der Galerist oft von einem Freund oder Assistenten fahren. Schließlich gehört zum Geschäftsgespräch auch Alkohol und anderes: „Koks und Kohle“, wie man in der rheinischen Szene sagt – mit Spaß, echt nicht als Berufskrankheit. Nach dem er sich hat zeigen lassen, woran der Künstler gerade arbeitet, fragt der Galerist nach einem Ausstellungsthema und einem realistischen Ausstellungstermin im nächsten Jahr. Einigt man sich, legt der Galerist als Vorschuss einen Briefumschlag mit mehreren Tausend D-Mark auf den Tisch. Bei einer dieser Touren geraten wir auf dem Rückweg in den Berufsverkehr an der Kölner Südbrücke. In der Galerie wartet ein wichtiger Sammler, doch wir stecken im Stau. Kein Entkommen. Plötzlich wird er total ungeduldig, beschwert sich, dass er schnell in die Galerie zurück müsse, weil er wichtige Termine habe. Auf dem Beifahrersitz zieht er sich mehrere lines Vitamin C rein und dreht die Musik laut.

Die Galerie finanziert sich gut. Ihre beste Lebensversicherung in der Kunstmarktkrise der späten 80er Jahre ist jedoch des Galeristen langjährige Freundschaft mit dem Künstler Sigmar Polke. Es gibt einen einfachen biografischen Grund dafür, der sich auf eine Anekdote reduzieren lässt: Als Polke Anfang der 1970er Jahre nach einer Ausstellungseröffnung in der Kieler Kunsthalle abreisen wollte, hatte die Polizei ihn auf Grund seiner astronomisch hohen, nicht bezahlten Telefonrechnung im Hotel mit seiner in der Schweiz lebenden Freundin festgesetzt. Damals war Klein sofort nach einem Anruf Polkes, mit dem Zug von Bonn nach Kiel gefahren und hatte ihn ausgelöst. Das hatte Polke seinem Freund und Galeristen nie vergessen. Als er Mitte der 80er Jahre keine Bilder mehr für den Kunstmarkt herausgibt, sondern alles nur ein lagert, bekommt die Galerie Klein trotzdem jedes Jahr zur Art Cologne von ihm exklusiv zwei mittelformatige Gemälde. Da es dafür immer etwa zwanzig ernsthafte internationale Interessenten gibt, sind sie zur Eröffnung der Kunstmesse bereits verkauft. Alleine mit diesem jährlichen Deal rentiert sich die Galerie.

Den Vorschuss, den der Galerist den Künstlern vor ihren Ausstellungen zu geben pflegt, um sie an seine Galerie und an den Ausstellungstermin zu binden, hat Michael von Biel mit seinen Kumpels am Kölner Chlodwigplatz vertrunken. Deshalb soll Gibbs, ein Künstler und enger Freund des Galeristen, und ich losfahren, um ihn »einzufangen« und zur »Arbeit« in die Galerie zu bringen. Er kommt willig mit. Auf der Fahrt fragt Michael nach der Musik, die wir gerade hören. In diesem Moment knarzt von der Kassette eine Stimme ironisch über die Autostereoanlage:

»Meint Ihr nicht: Wir könnten unterschreiben, auf dass uns ein bis zwei Prozent gehören und Tausende uns hörig sind? Wir könnten, aber…«, danach ertönt ein Dröhnen aus elektronischen und akustischen Quellen, dann wieder: »Meint Ihr nicht: Wir könnten es signieren, vielleicht sogar auch resignieren und dieses Land gleich Eintagsfliegen nur noch auf und ab und ab und auf bespielen, um später dann zurückzukehren ganz aufgedunsen, längst vergessen nur noch kleine Kreise ziehen? Wir könnten, aber…«, darauf wieder das Dröhnen.

Draußen huscht die graue Kölner Südstadt vorbei.

»Das ist aber schöne Musik, die ihr da hört«, meint Michael, »die gefällt mir wirklich sehr gut. Ist ja ganz schön wild.«

In seiner Sprache schwingt Zärtlichkeit mit. Er hat eine unverwechselbare Art, sehr bedächtig und feinfühlig zu formulieren. Überhaupt ist Michael von Biel ein sanfter und feinfühliger Typ, wie ich ihn selten getroffen habe. Und das Erstaunliche ist, je mehr er trinkt, desto sensibler scheint er zu werden.

»Die benutzen nur wenige richtige Instrumente. Wie heißt denn die schöne Platte?«

Wir rauschen auf der Autobahn zwischen Köln und Bonn an einer Raffinerie vorbei. Trister, grauer Rausch.

»Die heißt ›Haus der Lüge‹ von den Einstürzenden Neubauten. Das Sprachrohr des Chaos, nur ein Lippenbekenntnis des Rauschs, denn der lügt besser«, meine ich augenzwinkernd vom Beifahrersitz nach hinten.

Michael von Biel ist Cellist, stark beeinflusst von der Kölner Neuen Musik-Szene. Er hatte bei Morton Feldman, Cornelius Cardew und Karlheinz Stockhausen Musik aber auch bei Beuys Kunst studiert und mit interessanten Musikern Konzerte gegeben. Nicht, dass ich diese Sounds wirklich kannte, weil damals nur wenige die Schallplatten besaßen. Meist hatten wir nur abgespielte Kassetten, auf denen man das Bandrauschen oft nicht von der Musik unterscheiden konnte. Doch unser Galerist hatte eine ansehnliche Sammlung, aus der wir seltenes kulturelles Futter bezogen.

»Das hat einen sehr schönen einfachen Rhythmus. Aber würden das nicht viele als Krach bezeichnen, Stan?«

Charakteristischerweise setzt er an das Ende eines Satzes den Namen des Angesprochenen, ohne dies spezifisch streng zu meinen.

»Das nennt man ›Industrial‹. Der Krach ist sozusagen der Hauptbestandteil, mit dem die Opposition zu dem ganzen Disco-Schalala klar gemacht wird«, meint Gisbert kichernd am Steuer.

»Oh, das ist aber interessant.« Michael bemüht sich zu verstehen, klingt aber etwas eingeschüchtert oder verunsichert.

Wir erzählen vom letzten Neubauten-Konzert in der Biskuit-Halle in Bonn, als Blixa Bargeld schon nach knapp 50 Minuten keine Stimme mehr gehabt und leider alles abgebrochen hatte. Das Publikum verprellt, pfiff sich die Finger wund, nach mehr Performance verlangend – wir streiten nur noch über den weiteren Verlauf des frühen Abends. Auch als wir bei einem Nick Cave-Konzert Backstage waren, wohin uns der Bonner Leichenwagen-Eddi, ein Berliner Kumpel von Bargeld und Cave, hingeschleust hatte, wollte Erhard auf die Bühne stürmen, um Nick zu umarmen. Wir hatten echt Mühe, ihn davon abzuhalten. Erhard wollte unbedingt auf die Bühne, um Cave zu umarmen, um Cave zu umarmen, zu umarmen. Bei einem anderen Nick Cave-Konzert an einem 10.10., der Künstler Jo Schultheiß hatte Geburtstag; er hat uns alle eingeladen, in Jürgen Klaukes Silberkappen auf den Stiefeln glänzen und spiegeln sich die weißen 80er Jahre-Decken-Lichter, der Blick geht auf und ab, auf und ab zwischen beidem. Glasklar. In welchem Bonner Laden war das noch? Im Goldenen Dreieck zwischen den Punkkneipen „Bla“, „Namenlos“ und „Novum“, unweit des Beton-Neubaus „Stadthaus“ – einstürzend nämlich: Beton. Die räumliche Ordnung der Punk- und Wave-Bars war einfach: Ein Tresen und eine Musikanlage manchmal unter gleißendem Neonlicht. Das ist nun die Bonner Szene: das Goldene Dreieck. Schräg gegenüber der kleine Shop »235«, die den coolsten Punk- und Wave-Scheiß aus London und Amsterdam anschleppen, und einen Videovertrieb aufbauen; hier beziehen wir VHS-Kassetten mit Genesis P. Orridge-Performances oder William S. Burroughs-Filmen und die »Re/Search«-Hefte. Der Galerist braucht das alles für sein Archiv. Und schwarze Latexjeans bekommt er hier auch. Sonst gibt es in Bonn nichts. Die Rheinterrassen, in denen in den frühen 80ern von Devo bis Dead Kennedys alles aufgetreten war, was man gehört haben will, sind runter gefahren und alle alten Dealerkneipen geschlossen, in denen die Land-Hippies des riesigen Einzugsgebiets noch an kleinen Tischen ihre Einkäufe getätigt hatten, oder auch schon mal Alfred Hilsberg auf einem Punkkonzert aufgetaucht war. Doch Düsseldorf ist manchmal weit. An Hamburg gar nicht zu denken.

…Nun liege ich mit meiner Freundin im Bett, Wienerstraße, auf Berlin-Urlaub, dem Rheinland nur wenige Tage entkommen; draußen toben die 1. Mai-Festspiele und dann hat man als Nicht-Berliner Angst um seinen irgendwo nachts im reinen Rausch geparkten Gebrauchtwagen, einen /8er Diesel mit abgebrochenem Stern natürlich. Eines anderen Abends: »Nikolaus Käfig und die schlechten Samen« incognito in einem kleinen Club in Berlin West, die bevorstehende Tour probend. Alles ist so brüchig, so ruinös, es raucht im Feld der Graffiti besprühten Gedanken – irgendwie so staubig, Farbschlieren oder so hängen von den Heizungsrohren. Wo war das bloß? In welchem Laden? Der Rausch der letzten Nacht klopfte noch schmerzhaft an die Schläfen. Eingeschlossen zwischen den stählernen Streben der fehlenden Erinnerung, nur ab und zu züngelt ein Laser zischend durch das Dunkel der zerebralen Nebelschwaden. Ich stoße mit dem Kopf an die Erinnerungen der anderen – dumpfer Schlag. Die Seitenscheibe der Autotür.

Jetzt wieder im Auto, zwischen zwei Stücken des Kassettenrecorders: Ein klirrend-sirrendes Klopfen, das die weißen Mittelstreifen der Autobahn Köln-Bonn erzeugen, wenn die Reifen sie überrollen, trennt sich vom Sound aus der Autoanlage. Die Stimme Bargelds kommt in der Linearität der Kassette erneut an:

»… hier wohnt der Architekt. Er geht auf in seinem Plan. Dieses Gebäude steckt voller Ideen. Es reicht von Funda- bis Firmament und von Firmament bis zur Firma…«

Dem Bonner Kreisel entschleudert in eine Straßengassentunnelschlucht. Beton und Neon auf Alka-Seltzer-Blues ist besser als die aussichtslose Architektur-Historismus-Collage.

Als wir mit dem Geschäfts-Audi in der Galerie ankommen, willigt der Maler ein, während der kommenden Woche tagsüber nichts zu trinken und brav Bilder zum Stadtgeburtstag »2000 Jahre Bonn« zu malen. Es handelt sich schlicht um einige Postkartenmotive und Abbildungen aus Büchern, die der Galerist dem Maler als Vorlagen gibt. Nachdem wir Michael die neuen Farben und frischen Leinwände gezeigt haben, müssen wir den Keller absuchen nach Alkohol, zwischen den Resten von zwanzig Jahren Ausstellungstätigkeit und den Steinskulpturen von Ulrich Rückriem, die im Garten keinen Platz mehr finden.

Der Galerist mahnt: »Dass mir bloß kein Sprit in der Nähe ist. Der Michael wird sonst nicht malen.«

Der Maler verbringt zwei Tage damit, im Garten leere mittelformatige Leinwände hin und her zu räumen, sie anzusehen, die Tischtennisplatte der Kinder zu verschieben und darauf Farben anzurühren. Doch außer einigen Farbtests kommt nichts dabei heraus. Er ist gleich bleibend freundlich und zeigt keinerlei Anspannung. Der Maler kommt jeden Mittag und geht abends – er räumt die angefangenen Leinwände nach links und nach rechts und umgekehrt, legt hier und da eine Kontur oder einen Schatten an. Doch Nennenswertes gemalt hat er noch nicht.

Der Galerist wird langsam ungeduldig und vermutet, dass der Maler offenbar nur noch malen kann, wenn er getrunken hat.

Abends ist ein Fußballländerspiel im Fernsehen. Das Wohnzimmer füllt sich mit Freunden des Galeristen. Wenn ich mich richtig erinnere, tuschelt, knutscht und kichert Marcy mit Cliff, dem Bassist von „Lost in Mekka“, und Jürgen Klauke deklamiert unvergleichlich über eine Ausstellung, an einem Cognac nippend und mit Kaffee verdünnend, in Richtung von Gina Lee Felber, während Gibbs, Hella Berendt und Jo Schultheiß wie die meisten anderen Bier trinken und Zigaretten rauchen. Achim Duchows dicke, silberne Totenkopf-Ringe klappern, wenn er sich eine Zigarette nach der anderen ansteckt.

Der Galerist ist Fußballfan. Seit Jahrzehnten verpasst er kein Spiel des Bonner SC. Aber er ist auch ein Fan des Rausches: An die Bedürftigen wird zur Feier des Tages je ein kleines Kügelchen Opium verteilt. Habe gerade keine Lust auf Medizin, will mir aber den literarischen Hauch der endlos langsam fließenden Zeit ein anderes Mal genehmigen. Deshalb wickle ich es in Alufolie. Darauf der Galerist: »Nicht, dass ich später höre, dass du das am Bahnhof vertickt hast.« Meine Freundin hasst diese Szenen, weil sie sich hier observiert und taxiert fühlt.

Achim Duchow nimmt die doppelte Menge, ohne dass das seinen Zustand merklich verändern würde. Man merkt ihm nichts an. Die Allgegenwart von verbotenen Substanzen in dieser Szene macht gleichzeitig ihren Reiz aus, verpflichtet in der feindlichen kleinbürgerlichen Atmosphäre der 1980er Jahre aber auch alle zu totaler Verschwiegenheit…

Der Bereich der Galerie stellt eine Bühne für unterschiedlichste künstlerische Posen und Dramaturgien dar, die von außen intransparent erscheinen. Kurz vor der Vernissage von Sigmar Polke bietet der Künstlerfotograf Benjamin Katz einen Fake-Scheck mit den Worten: »Hier Polke, Hunderttausend Mark.« Polke nimmt den Scheck und wischt sich symbolisch damit den Arsch ab. Theater oder Dauerperformance.

Wenn Kippi mit Freunden zur Eröffnung eintrifft, benötigt er vom Taxi in die Galerie nur wenige Sekunden und peilt sofort den wichtigsten Sammler im Raum an. Dann stürzt er sich auf ihn und verdrängt alle Umstehenden. Sein Alkoholismus ist ein Autodrive in der Kunstwelt. Von da an läuft eine Ego-Show, die kaum Zeit lässt, dem ausstellenden Künstler, dem Galeristen oder anderen »Hallo« zu sagen. Sag: »Hallo«. Oder doch nicht.

Der Galeriebereich versetzt alle Beteiligten in eine Aufführungssituation, an der man bei Eintritt beteiligt ist, ohne gefragt zu werden. Die meisten bleiben Statisten. Doch in einem dialektischen Verhältnis zum Star unabdingbar. Eine während der Galerieöffnungszeiten an eine Dauerperformance erinnernde Kunstszene relativiert die Differenzierbarkeit zwischen privatem und öffentlichem Bereich. Jenseits davon geht’s erst richtig los. So fällt es schwer, die Arbeit an der Kunst, ihrer Präsentation und die Kommunikation über beides, die Nahrungsaufnahme mit der Beschaffung und dem Konsum von Substanzen, und die Unterscheidung zwischen Arbeitsverhältnis und Freundschaft sortiert zu bekommen. Jede Geste ist Nahrung. Jede Äußerung entscheidet über die Zukunft des Personals im Käfig der Galerie. »Fütter’ mein Ego.« Ein kalter Schleier vor dem großen Experiment. »Ego, Ego…« Zwischen Poppern und H. Kohl, zwischen öffentlichem Bundeswehrgelöbnis und Startbahn West. Schulterpolster für aufgeblähte Koks-Popper. Was für die einen das Autonome Zentrum ist für die anderen das Sprachzentrum. »Fütter’ mein Ego.« Hoch gegeelte Haare stehen für Aufbruch, für Geschwindigkeit: »Heut’ Nacht! Niemals schlafen. Alles Lügen. Staubiges Vergnügen.« Spricht Blixa Bargeld im Stück: »Yü-Gung (Fütter mein Ego)« aus der Anlage im Wohnzimmer durch die Galerie. Lederjacken gegen ein feindliches Sozialklima. Die 80er sind die Wiederholung aller Avantgarde-Attitüden. Ständig pfeift ein Eishauch. Sprachzentrum.

Was haben wir sonst in diesem gelebten Widerspruch? Dafür rundet der Galerist allabendlich das Honorar nach oben auf. Und seine Bibliothek… Zu des Galeristen Lieblingsbüchern gehört bezeichnenderweise Wolfgang Hildesheimers „Mitteilungen an Max“. Er drückt es mir wortlos in einer Cafépause in die Hand. Es beginnt mit einem Schachtelsatzmonster: „Wieder ist, wie Du, lieber Max, wahrscheinlich bereits festgestellt hast, ein Jahr vergangen, und ich weiß nicht, ob es Dir so geht wie mir: allmählich wird mir dieser ewig währende Zyklus ein wenig leid, wozu verschiedene Faktoren, deren Urheber ich in diesem Zusammenhang, um mich keinen Unannehmlichkeiten, deren Folgen, die in Kauf zu nehmen ich, der ich gerne Frieden halte, gezwungen wäre, nicht absehbar wären, auszusetzen, nicht nennen möchte, beitragen.“ Wie immer lese ich bei einem neuen Buch nach dem Einleitungs- den Schlusssatz, mit dem sich nun ein melancholischer Nachhall auf den Tag legt: „Es wird uns alles vergehen, lieber Max, das Hören und Sehen, als erstes aber das Lachen.“ Ha ha, dagegen gab es in meiner kleinbürgerlichen Familie nur den Großen Brockhaus und ein paar Klassiker. Widerstände, Widerstände, nichts als Widerstände. Den Widerstand überwinden, um dann hier zu landen. Von Kippi lernen? Kunst mit dem Galeristen und dem Personal machen. So als Schüttelreim. Das kann sehr unterhaltsam sein für Leute, die tagsüber arbeiten. Normaler Bürger. Sollte die ganze Kunst der Kunst etwa darin bestehen, Sammler von den eigenen Supi-Bildern und dem coolen Zusammenhang als Kreativklasse zu überzeugen – mit dem Galeristen als Übersetzer. Da ist dieser Galerist tatsächlich ein wohltätiges Szene-Tonikum.

Trotzdem, wenn man im Kapitalismus mal begriffen hat, dass der Kunstmarkt vor allem darin besteht, die Käufer zu überzeugen, und das ganze Drum und Dran nur zur Beglaubigung dessen dient, was das Kunstwerk repräsentiert, dann brauchst du schon einen guten Schluck, um weiter machen zu können und das auszuhalten, dann kannst du auch deinen Narzissmus und den der anderen besser ertragen. Kein Wunder, dass viele erfolgreiche Künstler und Künstlerinnen autoritären Patriarchen gleichen. Zur Not gibt’s halt als überzeugendes Argument eins auf die Zwölf. So viel zum Mythos der Kunst. Mag sein, dass das wie eine sorgfältig ausgedachte Story klingt? Aber es ist schon jetzt klar, dass später das überlebende Personal der 80er seine Story an die Bild-Zeitung verkaufen wird. Voll für’n Arsch.

Meine Freundin hasst diese Szene wegen ihrer abschätzigen Politik; deshalb kommt sie nie mit. Dafür liebt sie die Punkkonzerte in meinem Atelier in einer stillgelegten Dampfwäscherei. So trennen sich für mich deutlich die Sphären.

Das Fußballspiel geht los. Die Wahrnehmung gliedert sich in rollende Angriffe, sich über den Flügel durchtanken, eine massive Abwehr, Halbzeiten, Standardsituationen von Angriff und Verteidigung und, in Folge der Substanzen, in eine zeitliche Losgelöstheit, Aufgelöstheit, Verschobenheit – Dauer, die die Gemeinschaft der Schauenden besiegelt. Die Indi-Band „Lost in Mekka“, die zur Hälfte anwesend und diese Hälfte mittlerweile schon komplett ins Sofa geflossen ist, hat solche Situationen der Zeitverlorenheit vertont: „Time warp, you’re in the time warp, baby…“

Aus irgendeinem Grund klebt mein Blick an Cliffs schwarzen, von Gaffer-tape zusammengehaltenen Westernstiefeln, die lässig wie abgewetzte Tiere über der Sofalehne hängen. Ich schaue immer hin und her von diesen müden schwarzen Stiefeln auf die aktiven schwarzen Fußballschuhe der Spieler auf dem Bildschirm, hin und her…

Cliff sagte mal, kichernd einen Schluck Jägermeister aus einem Flachmann nehmend, als wir für eine Ausstellung die Kaviar-Gemälde aus Georg Herolds Kölner Studio holen sollten: »Lass mich am Bahnhof noch einen Schuss kaufen. Jeder muss mal ein bisschen süchtig sein, sonst ist man kein richtiger Künstler.« Cliff arbeitet fast täglich ab 5:30 morgens in der Metzgerei seines Vaters ein paar Stunden, um sich das Geld für sein Bohème-Leben zu verdienen: Musikmachen, Ausgehen, Sex – wenn immer möglich. Obwohl sich das hart anhört – morgens Schweinehälften schleppen und filettieren –, war er ein sehr feinfühliger cooler Typ. Gab es mal keinen Stoff mehr, dann wurde mit dem Stabsauger der Flokati abgesaugt und „Cliffs prima Teppich-Pepp“ ließ die Party weiter fluppen. Sex geht in alle Richtungen. Und manchmal über in Musik.

Plötzlich war der Bandname »Lost in Mekka« brandaktuell, denn der indische Autor Salman Rushdie hatte den Roman »Die Satanischen Verse« veröffentlicht – der iranische Ajatollah Chomeini warf ihm Gotteslästerung vor und setze einen Preis auf seinen Kopf aus. Weshalb sollte aber eine Bonner Indi-Band in »Mekka verschollen gehen«? Hatten die Musiker etwa ähnliches vor? Was intonierte der persische Backgroundsänger eigentlich in seiner Muttersprache ins Mikro?

»Tooor«, schrie der Galerist, »astreines Tor«.

So vergaßen wir den Maler im Garten. Irgendwann schleiche ich durch den Keller, um ihm einen Kaffee zu bringen und zu sehen, was er macht. Mit den Fingern in großer Eile, Farbe auf Leinwände bringen, nicht auf eine – er malt in der Dämmerung gleichzeitig an mehreren: den Rhein, die Silhouette Bonns, den Drachenfels und einzelne Figuren, bei Sonnenschein und auch eher schwarzgraue Nachtbilder. Ich kann nicht glauben, wie Michael von Biel ein Bild nach dem anderen malt. Pinsel sind überflüssig. Er schmiert, kratzt und spachtelt die Farbe gekonnt mit Fingern, Handfläche und Handballen auf die Leinwände.

Dann entdeckt er mich lächelnd: »Wie gefallen sie dir, Stan?«

»Mann Michael, das ist stark. Du hast in ein paar Stunden fast alle Leinwände fertig gemalt.«

»Na ja, fast. Erhard wird sich freuen, Stan«, sagt er mit einem entspannten Lächeln und einem mir fremden Kichern.

Da war ich mir nicht sicher, konnte den Galeristen in seinem Urteil nicht einschätzen. Zwar hielt ich ihn für einen feinen Menschen, seine Stimmungen waren jedoch unberechenbar. Als er mir einmal mit brüchiger Stimme erzählt hatte, dass sich der persischstämmige Backgroundsänger der Band »Lost in Mekka« wegen Liebeskummer im Bonner Stadtwald mit Benzin übergossen und verbrannt hatte, standen ihm die Tränen in den Augen. Der Alkohol ließ ihn manchmal fast rührselig werden, doch konnte er auch irgendwie über der Szene stehend harte Entscheidungen treffen, die niemand richtig verstand. Musste man auch nicht, war ja sein Geschäft.

Vom Einkauf zurück, beim Einparken brüllt der Galerist aus dem Fenster im ersten Stock, während er telefoniert und raucht, der Wagen solle 20 cm weiter nach hinten… Auch wenn er in solchen Situationen cholerisch wirkt, ist er ein extrem netter Mensch. Er kocht jeden Tag für alle und besorgt exquisiten Kuchen zum Kaffee. Wenn ein Künstler verlangt, dass die Glühbirnen sechs Zentimeter tiefer von der Decke hängen sollen, wird das zum Gesetz. Der nächste fordert dann etwas anderes. Aber: Joseph Beuys war ein total direkter Typ, es war kein Problem ihn nachts anzurufen und mit ihm Gespräche über Philosophie zu führen. Blinki Palermos blauer Winkel über einer der Galerietüren – eine Menge Anekdoten haben sich in die Galeriewände geschrieben. Mein permanenter Versuch, dies alles nicht nur als Galerieassistent zu akzeptieren, sondern als junger Künstler, der gleichzeitig Kunstgeschichte studiert, intellektuell zu kapieren, lässt mich geschickte Fragestrategien entwickeln. Denn mein Ziel war, die Künstler nicht zu nerven, ihnen aber trotzdem so oft wie möglich in ihre Karten zu schauen.

Ich hole Erhard aus dem Fußball-time warp in den Garten, was nicht ganz leicht ist. Er starrt auf die frisch gemalten Leinwände, bekommt ein totales Happy-Augenleuchten und meint, dass die Ausstellung nun schon fast fertig sei. Doch dann entdeckt er eine leere Flasche Batida de Coco unter der Tischtennisplatte, die dem Maler als Maltisch dient. In einem cholerischen Anfall schreit er den Maler an. Doch der reicht nur kleinlaut entschuldigend ein sehr opulent gemaltes Bild rüber, das man wegen der hereinbrechenden Dunkelheit kaum erkennen kann. Als er es unters Kellerlicht hält, entspannt sich des Galeristen Miene, und er schüttelt den Kopf:

»Wie der Michael das wieder hinbekommen hat… Trotz Fusel.

Das wird die Einladungskarte.«

Ich sehe mir das Gemälde genauer an. Das Postkartenmotiv hat eine virtuos expressionistische Formulierung bekommen, sehr bunt, sehr expressiv – nicht mein Geschmack, aber: Die Sonne geht so grell und stimmungsvoll über Bonn unter, wie es in 3000 Jahren wohl nie zu sehen gewesen ist. Menschen kaufen sich Postkarten von einer recht durchschnittlichen Stadt als Erinnerung. Zufällig war sie die Bundeshauptstadt.

Warum sollte man sich dann keine farbigen Gemälde davon übers Sofa hängen. So fragwürdig das Abmalen von Postkarten den Kunstspießern erscheinen mag, so fragwürdig erscheinen mir die oft unstimmig wirkenden abstrakten oder nicht gegenständlichen Gemälde von anderen. Es musste also noch etwas in die Kunst kommen, das hier nicht berührt wurde. Was, kann ich hier nicht genau definieren. Aber selbst wenn ich Worte dafür finden würde, käme es mir so vor, als verlangte man nach einer tieferen Erfahrung, ohne definieren zu können, wie eine solche anders, besser, neuer, toller aussehen könnte, wie sie sich anfühlen würde. Der Blick behind the scenes rückt die Kunst ins Zentrum der Gruppe, das Milieu, in dem das alles stattfindet.

Die nach persil stinkende Banalität kollabiert in der grauen Nachbarschaft eines morbiden Jahrzehnts. Ich hatte damals gerade erst wieder begonnen zu schreiben, nachdem ich es einige Jahre abgelehnt hatte, auch nur einen einzigen grammatikalisch »richtigen« Satz zu formulieren. Notate bleiben nur bildhafte Fetzen, sprunghaft und durchaus erschütterungssensibel, dem Lebensstrom folgend. Die Gedanken können ja trotzdem messerscharf sein, auch wenn sie sich selbst einer Beschreibung oder Dokumentation enthalten. Damit beschloss ich, keine Bilder mehr zu malen, stattdessen Kunsttexte zu schreiben: Texte schreiben, anstatt zu malen, das ist meine politische Entscheidung am Ende der 80er Jahre. Mein Studio in einer stillgelegten Dampfwäscherei brauch ich auch nicht mehr. Das geht alles mit einem Computer.

Nun fokussiere ich ein Detail auf Michael von Biels Gemälde. Ganz unten am Rand der Leinwand neben der Signatur steht etwas geschrieben; ich muss in der Dunkelheit ganz nah ran gehen: »2000 Jahre Bonn von Manga Roca aus gesehen«.

Ich rätsele mit den andern, die mittlerweile hinzugeeilt sind, was dies wohl zu bedeuten haben könnte. Dann tastet mein Blick die leere Batida de Coco-Flasche ab, auf der ich schließlich fündig werde, ganz klein gedruckt steht dort:

»Batida de Coco bottled in Mangaroca«

Stan Back, Köln 1991

In der Hölle sonnen

(Episode aus: Schriften aus der Hölle)

Die Personen:

- Heiner Müller (der linke Theatermann des Fragments, der Montage und der Überschreibung von Klassikern)

- Christoph Maria Schlingensief (der christlich-messianische Bürgerschreck)

- Stanley Back (der ideale, weil tote Künstler)

- gelegentliche Einspielungen von Radiohack und Diktiergerät

Abstract:

Ein aktueller Witz über den Eintritt eines Gestorbenen in die Hölle dient als Einstiegsanekdote. Stanley Back und Heiner Müller erfahren über Radio Hellsound, dass Christoph Schlingensief gestorben ist; sofort setzen sie sich dafür ein, dass er in den atheistischen Teil der Hölle kommt.

Die Drei sitzen nun an einer Theke in der Hölle und sprechen über die falsche Kunst für das falsche Publikum in einer falschen Welt.

1. Ankunft – der Witz

Ziemlich guter Empfang hier unten. Gerade meldet Radio Hellsound den Tod des Film- und Theaterregisseurs Christoph Schlingensief. Elfriede Jelinek wird zitiert: »Er war der größte Künstler aller Zeiten.«

Den werden sie auf glühenden Kohlen schmoren, meint Heiner Müller mit einem tiefen Zug an seiner Zigarre, und bläst eine riesige Wolke aus, in die sich die Worte schmunzelnd einnisten.

Aber wir können was unternehmen, wirft Stanley Back schon zum Höllentor losgehend ein.

Gerade rechtzeitig am Höllenportal: Der Wächter liest Schlingensief seine Vergehen vor, und es gibt keine Hoffnung, dem christlichen Gericht zu entkommen: denn fortgesetzte Gotteslästerung – und das auch noch auf der Theaterbühne und mit Multimedia in alle Welt reproduziert – hat zweifellos ewige Höllenqualen zur Folge. Richtig, der arme Theatermann völlig geknickt, mit angeklatschten Haaren und von tiefen Kummerfalten entstellt, soll auf glühenden Kohlen schmoren.

Mit erstickter Stimme versucht Schlingensief sich gerade zu verteidigen, dass er schließlich mit den elend langen Leiden des Krebstodes schon genug bestraft sei. Noch bevor der Wächter ihn jedoch mit einem Tritt in das höllenheiße Portal befördern kann, intervenieren Müller und Back. Sie nehmen ihn zwischen sich mit in IHREN Teil der Hölle: Willkommen im Club der Höllen-Dichter.

Geblendet von gleißendem Licht, glaubt Schlingensief auf eine Bühne zu treten; doch er kann es nicht fassen: Ein weißer Strand liegt vor ihm, Menschen aus aller Herren Länder sonnen sich, spielen Beachvolleyball, tanzen johlend, schwimmen oder sitzen, Caipis schlürfend, in Strandbars und lesen sich gegenseitig vor. Überwältigt von diesem Kunstfreizeitidyll geht Schlingensief plötzlich völlig befreit von den Erdenqualen zum glasklaren Wasser, schwimmt einige Runden und schlendert den Strand auf und ab. Später trifft er – nun wieder mit hoch toupierten Haaren – auf Müller und Back in einer Strandbar.

CS: Das ist ja unbeschreiblich hier, wenn ich das früher gewusst hätte… wie eine grandiose Kombination von endloser Theateraufführung und Gelage. Ich war so erschrocken, als ich starb: nichts gab es mehr, nur Schwarz. Bis ihr mich geholt habt.

SB: Du bist hier in der Kultur-Hölle gelandet. Alles, was du siehst, ist reine Projektion. Nur Vorstellung. Jede/r erlebt etwas anders, und doch sind wir im gleichen Stadium des Nichts.

Man plaudert über die letzten Jahre, resümiert die politischen Ereignisse, bis Schlingensief sich irgendwann traut zu fragen:

CS: Habt ihr das gesehen? Was ist denn da hinter dieser großen Düne? Da werden Menschen auf Rosten gegrillt und mit glühenden Eisenstangen gequält. Kommen wir da später auch hin?

(HM) Ach das, meint Müller, sich mit einem notorischen Zug an der Zigarre umwendend, nö, das ist nur für die Christen, die wollen das so – bis in alle Ewigkeit werden sie gequält. Wenn wir dich nicht abgefangen hätten, wärst du auch da gelandet. Das hast du deinen kläglichen Inszenierungen »Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir« und »Mea culpa« zu verdanken. Du musst nicht denken, dass die hier nicht deine Stücke kennen. Das war nichts als Gotteslästerung, weil du einen Gottesdienst für dich selbst gehalten hast.

CS: Dann habt ihr mich davor gerettet, in der Hölle zu schmoren?

HM: Ja, obwohl du dich selbst auf der Bühne als Jesus-Christus mit allem Brimborium inszeniert hast, haben wir dich rüber geholt.

CS: Ich habe es als Beleidigung empfunden, dass da plötzlich klammheimlich der Krebs versuchte, mich abzuschalten. Ich dachte immer, ich bin eigentlich eine liebenswürdige Person.

HM: Ja, aber in deine Ministrantenzeit zu regredieren, komm schon. Wenn das Ziel des Künstlers ist, von allen geliebt zu werden, dann hast du das ja geschafft. Aber was kam dann?

CS: Vielleicht war ich vom Humor des Größenwahns befallen? Ja, und ich wollte mein Scheitern vorführen.

SB: Nichts für ungut, aber diese „Schlagt mich doch ans Kreuz“-Nummer war doch wirklich nicht nötig. Die andern hier sind genervt von unseren Debatten über Kunst und Kultur. Du bist ein extrem netter Zeitgenosse. Da bist du uns als Gesprächspartner für die Ewigkeit sehr willkommen.

HM: Ich finde Atheisten genauso abwegig wie Gläubige, weil sie oft noch mehr über Gott reden.

CS: Meint ihr, dass ich am Ende meine früheren Provokationen zu kompensieren versucht und deshalb christlich klein bei gegeben habe?

SB: Klar Mann. Du wurdest dialektischer Bestandteil der traditionellen Hochkultur – ok, nie ein Gauche-Kaviar, aber ein herrschaftlicher Prediger vor dem Herrn. Eben ein christlicher Bourgeois. Damit hast du alles, was du vorher gemacht hast, durch den Kakao gezogen.

HM: Mein Hauptpunkt ist, dass ich Schriftsteller bin, und das ist meine eigentliche Existenz.

2. Künstler-Obsession

SB: Harald Schmidt gratuliert dir in der „Zeit“ nachträglich, dass du deinen Pfarrer auch für deine Hochzeit genommen hast. Das ist Spott für den Christenscheiß, den du aufgeführt hast, auf höchstem Niveau.

CS: Die Überdehnung der Dunkelphasen, das war mein Ziel. Die Dinge rausholen aus dem Licht.

SB: Denkst du, das sei jugendkulturell konsumierbar? Das würde einem kulturellen Anti-Paradigma gleichkommen.

HM: Weißt du, von hier aus sieht das alles etwas anders aus, was auf der Welt so passiert. Nach wie vor ist der christliche Mythos vom Pop-Rebellen, der sich existenziell verzehrt, das Parademodell kulturindustrieller Exploitation – für ihn zerreißen sich die Kulturmanager genauso wie die Fans. Da hast du mit deiner Obsession halt bestens reingepasst, Christoph. Deine Fans werden schon ein neues Projektionsziel finden.

CS: Aber mir ging es doch um das Aufbrechen von diesen hierarchischen Kulturinstitutionen.

SB: Ja, aber alles lief hierarchisch unter deiner Regie.

HM: Der Künstler ist immer Reflex seiner soziokulturellen Verhältnisse. Dabei versuchte ich, mir selbst so fremd wie möglich zu sein.

CS: Genau, die Chance zum Untergang nutzen.

SB: Weshalb redet ihr nur über Theater und Opern? Das ist der Erstickungstod in Bürgerscheiße. Nachdem Zadek in den späten 80ern schon die Einstürzenden Neubauten engagiert hatte, die zuerst von der Punk-Kaschemme auf die Rockbühne und dann aufs Theater wechselten, versinkt darin gerade eine weitere Welle von Ex-Punkmusikern.

CS: Im Theater findet sich doch das kulturelle Gedächtnis einer ganzen Kultur und deshalb auch das größte Provokationspotenzial.

SB: Die Oper wie das Theater reproduzieren sich im Spektakel und seiner Bürokratie selbst. Eigentlich haben sie hinsichtlich Zeitdehnung nichts der Performance der 80er Jahre und hinsichtlich Provokation erst recht nichts dem Orgien-Mysterien-Theater hinzugefügt. Während die Punk-Diva Blixa Bargeld schon 1986 wusste, dass ihr Ego nur auf solchen Bühnen entsprechend gefüttert werden kann, war Theater längst nur noch ein Erweckungsort für Deutsch-Leistungskurse. Auch Punk hat sich mit der herrschenden Mentalität arrangiert. Das wahre Leben findet heute in der Hölle statt.

HM: Willst du sagen, dass das Theater die zum Zynismus verkommene Verzweiflungsgeste eines falschen Popstars bleibt?

SB: Ja – du redest wie der Papst –, eben „falsch“ im Sinne von: dort im falschen Kulturraum. Eben das Kultur-Gewichse einer christlich geprägten Leidens-, Märtyrer- und Todeskultur: Erst wird der Held idealisiert, dann ans Kreuz geschlagen. Lüge.

HM: Das ist eine sehr erfolgreiche Ökonomie. Gerade kämpfen diese beiden strukturell sehr vergleichbaren, patriarchalen Religionen, Christentum und Islam, um ihr Überleben in einer neuen schönen Welt, in der es nun mehr um segmentierten Konsum der Glaubenselemente im multimedialen Fan-tum geht.

CS: Mein Stück „Mission“ in Hamburg war der Anfang dieser Bewegung.

SB: Nein, „Mission“ war ein pseudopolitisches Theaterstück, das, standby vom Flüstertüten-Regisseur inszeniert, vage entglitt. Das fand die Kulturjournaillie aktivistisch appealing. Doch wo war zwei, drei Jahre später der politische Effekt beispielsweise für Obdachlose vor Ort?

HM: Ist das nicht symptomatisch für ein verändertes Publikums? Weil es keine Klassenspezifik in der Kultur mehr gibt wie zur Zeit der klassischen Avantgarde?

SB: Ich bin schon früher in die Hölle gegangen, weil ich genau das merkte, dass meine Zeit abgelaufen war. Im Gegensatz zu PR und Maoismus war meine Strategie Komplexitätsmaximierung, um eine Aneignung durch das Verwertungssystem zu verhindern. Mit diesem kunstkritischen Ansatz habe ich mich schließlich selbst marginalisiert, denn der herrschende Code war die Selbsteinschließung durch die Inszenierung von Einladungsstrukturen. Die Fähigkeit der Künstler, sich selbst zu vermarkten und mittels Facebook Manager von „sozialen“ Inhalten zu werden, ließ Feinheiten der Form oder des Ausdrucks immer unbedeutender werden. So wurden die erfolgreichen KünstlerInnen zum Hohlspiegel des Neoliberalismus. Gefördert von KulturarbeiterInnen, die ihr Ego-Image gern in diesem Hohlspiegel verdoppeln.

CS: Aber dann würde es ja gar keine künstlerische Authentizität oder Obsession geben.

SB: Zumindest nicht im ontologischen Sinn; beides wurde zu rhetorischen Figuren des Feuilletons. Es konnte gar nicht darum gehen, ob ein Künstler eine Obsession hat oder authentisch ist, was auch immer das gerade sein sollte, – denn es gibt zu viele rationale Gründe, kein Künstler zu werden oder zu sein, wenn man ein politisches Interesse hat –, sondern darum, welchen Stil und welchen Geschmack er provoziert mit der Darstellung und der Strategie für seine Obsession. Wie der Scheiß produktiv wird, das ist der Punkt.

HM: Der Mensch ist etwas, in das man hineinschießt, bis der Mensch aufsteht aus den Trümmern des Menschen.

3. Das Künstler-Selbst als Verschleißteil

HM: Hast du eigentlich nie gemerkt, dass du zum Verschleißteil des Spektakels wurdest, Christoph?

CS: Wieso ich? Wieso ausgerechnet ich?

SB: Das fragen sich alle, auch diejenigen, die ihren eigenen künstlerischen Weg jenseits des ökonomischen Mainstreams einschlagen. Aber genau das ist das Problem der Kunst: die totale megalomane Ich-Bezogenheit. Dass ausgerechnet sie nicht erwählt werden, niemand Interesse für ihre ausgefallene Praxis aufbringt. Subversive Aktionen der Vergangenheit werden idealisiert und verklärt, doch vor wirklich anderen zeitgenössischen Strategien hat man keinen Respekt.

CS: Allein in diesen Tunnel des Todes rein, davor hatte ich Angst.

HM: Davor haben alle Angst. Ist aber kein Tunnel. Ist nur die totale Schwärze des Nichts. Das zu Kritisierende muss selbst zur Strategie werden; das ist die Methode, um das Regime mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Das Problem ist bloß, dass man dann irgendwann keine Differenz mehr findet zwischen Subversion und subversiver Erfolgsstrategie eines Managers.

SB: Der Künstler oder die Künstlerin sind zum Verschleißteil geworden; auch die Tendenz, immer Jüngere zu verheizen, und dann die am authentischsten Aufgeladenen zu kaufen, bedeutet, sie zur Hölle zu jagen. Man behandelt, sammelt, stellt aus und hofiert sie wie exotische Tierchen, die ganz handzahm Arsch oder Möse lecken, wenn man sie nett bezahlt. Sie sind ein aufgezogenes Kulturgadget. Sonst nichts. Das finden viele echt geil; das ist aber das Ergebnis aus dem großen Missverständnis der Pop-Kultur, des Exotismus am Rockhelden als Märtyrer. Die daran beteiligten KulturarbeiterInnen merken oft gar nicht, dass sie durch ihre bedingungslose Unterstützung den Verschleiß oder gar den Tod dieser Figuren mit beschleunigen. Es ist halt ein Todeskult.

CS: Wolltest du denn nicht, dass deine Stücke aufgeführt oder deine Bilder ausgestellt werden?

SB: Natürlich. Ich wollte sogar, dass meine Kunstkritiken und Essays als Theaterstücke aufgeführt oder gar als Hollywood-Autoren-Spielfilme inszeniert werden. Aber ich fragte mich, muss ich das System gut finden, damit ich als Kultur-Held reüssieren kann? Und: Wie vielen muss ich in den Arsch kriechen, damit meine Bilder schließlich zu heroischen Leistungen hoch gelobt werden? Das ist die unbeantwortete Frage nach Demokratie im Kulturbetrieb. Und das ist auch die Barbarei, die in jedem Kulturprodukt steckt.

CS: Ok, Rainald Goetz zog die Konsequenzen: Er wechselte von der Realismus-Analyse zum affirmativen Kulturindustrie-Rekorder. Das ist dann „losgelabert“, aber den „trash für Alle“ kauft das Publikum gern bei großen Verlagen, anstatt es frei im Internet zu lesen.

HM: Die 2000er Jahre sind durch eine politische Ausnahmesituation charakterisiert: Eine politische Klasse, deren Ehrgeiz momentan darin besteht, die Arbeiter um ihre Pensionen, Arbeitslosen- und Sozialversicherungen zu bringen, während sie ihnen zugleich einredet, dass der sinnlose Afghanistan-Krieg nichts mit unserer nationalen Ökonomie zu tun hat, wird diesen Arbeitern bestimmt nicht helfen. Die großen Massen sind dafür letztlich genauso verantwortlich. Ohne historisches Gedächtnis, ohne Verständnis dafür, was ihnen angetan wird, akzeptieren sie ohne Protest das Auseinanderklaffen der Einkommensunterschiede und ihre zunehmende Verarmung; sie lassen sich leicht von Spezialinteressen und den prinzipienlosen Opportunisten manipulieren, die in ihren Wahlkreisen kandidieren, und sie in ihren Zeitungen und TV-Sendern für dumm verkaufen.

CS: Die Merkel bekommt ja gar nicht mit, was in diesem Land abgeht. Als wir mit der Biennale-Jury in ihrem Zimmerchen waren, hatte sie nur Angst, dass man ihre Gemälde anfasst. Angela Merkel ist der vermeintlich bessere, weil weibliche und multikulturelle Helmut Kohl.

HM: Sie macht es vor: Im Spektakel-Regime geht es darum, dass du deinen eigenen Diskurs erfindest. Zur Unterstützung benötigst du gute Leute, die den Diskurs multiplizieren. Dadurch wird dein Diskurs wahr.

CS: Mich interessiert das Paar „Tradition und Rebellion“ auf dem Theater.

SB: Zu glauben, dass die totale Entleerung und Aushöhlung des Theaters seine Enthüllung als Machtmaschine bedeutet, ist doch völlig naiv und idiotisch. Die wird als Schwanzverlängerung der Kultur nur bestärkt. Eine transgressive Geste gebiert den Innovationsimpuls des Theaters – wird ein wunderbares App auf dem iPhone.

HM: Christoph, deine permanente Logorrhö-Performance erinnert an Beuys. Der hat auch nie Luft geholt. Und nicht geschrieben, sondern nur gezeichnet als Engel des Affekts. Hast Du schon gelesen: Nach Deinem Tod wirst Du nun Land auf Land ab in großen Ausstellungen gefeiert. Zunächst glaubt man als populärer Künstler im Namen des Volkes zu sprechen, dann will man Kritik üben und investigativen Journalismus fördern. Schließlich schielt man auf Einschaltquoten und begründet Qualität mit langen Schlangen vor den Eingängen und Besucherrekorden. Niemand fällt dabei die Verlogenheit auf, denn wenn man davon ausgeht, dass heute die hohen Einschaltquoten und Besucherrekorde nur durch gezielte Propaganda/PR zustande kommen, kann man diese nicht als Qualitätsbegründung nehmen. Und wenn man sich zunächst durch die Bildzeitung, die sich seit neuestem mit dem Begriff „investigativ“ schmückt, berühmt machen lässt, braucht man später noch Freunde, bei denen man sich ausheulen kann, wenn sie einen hat fallen lassen.

SB: Eine grundsätzliche Verfahrensfrage ist doch, ob man es durch Schreiben oder durch Sprechen sagt. Wenn man ohne Reflexion permanent performt, nähert man sich dem Pausenclown an, der nur durch Hyperaktivität auffällt. Doch was passiert, wenn das Scheinwerferlicht dann richtig lange auf einen strahlt? Dann brennt die nackte Existenz sich in den LCD-Screen ein und wird ein blinder Hohlspiegel.

HM: Ok, ok, gegen Harald Schmidt alt auszusehen, ist natürlich nicht schwierig, wie es dir bei „Talk 2000“ in der Berliner Volksbühne passiert ist. Schmidt ist eine mit allen Wassern gewaschene Pointen- und Bon-mot-Maschine des Late-night. Da kann man kaum gegen anstinken.

SB: Ja, aber Rainald Goetz – dieses gute Gewissen des Spektakels – geht damit anders um. Er hat jahrelang Einladungen von Schmidt ausgeschlagen, weil er sich nicht hintraute, da er Schmidt zu sehr vergötterte. Nun ist er hingegangen und hat seine Funktion des Kulturrekorders mit Respekt absolviert.

CS: Die eigene Künstlersubversion ist oft schnell am Ende, wenn man auf einen Giganten der Kulturindustrie prallt. Das habe ich im Selbstversuch gemerkt. Schmidt und Raab sind staatstragend zynisch.

SB: Aber warst du nicht selbst so einer? Und war deine Selbstinszenierung als Christus nicht noch schlimmer?

HM: Die Feuilletonredaktionen fragen sich nun: Bedeutet dein Tod das Ende des authentischen Theater-Rockhelden, der seine Arbeit mit einer körperlich-messianischen Aufopferung bekräftigte? Das wäre die Befreiung vom christlichen Opfer- und Leidensmythos, der uns gefangen hält.

Wir sagen: Der panic room des Kulturmigranten ist die Hölle. Das Nichts. Schwarz.

Stan Back, Club der Höllen-Dichter, 2006

Die Neue Mitte

Plot:

Dies ist eine Geschichte über die neue leere Mitte. Aus einem indischen Restaurant auf der Berliner Oranienburger Straße heraus beobachtet der Ich-Erzähler vorübergehende Menschen: E-Business-Leute, die von der Arbeit kommen, die Künstlerbohème, die bei der Arbeit ist, Huren, die zur Arbeit gehen und Menschen, die hier schon immer leben. Dabei liest der Erzähler in einem Buch, das er zuvor auf dem Büchermarkt der Museumsinsel gekauft hat, und lauscht seinen Tischnachbarn. Dieses Zentrum schneller urbanistischer und ökonomischer Entwicklung bei den Hackeschen Höfen, wo er seit der so genannten Wiedervereinigung gewohnt hatte, dient ihm zur Lokalisierung einer Leere: Die neue leere Mitte.


(Die Lesung wird mit einem Videoloop, der einen kleinen Rundgang von der Rosenthalerstraße in die Oranienburgerstraße und zurück projiziert, und Dias von Berlin-Mitte hintermalt, die einzeln vom Leuchttisch genommen und eingelegt werden.) Gerade war ich in einem indischen Restaurant angekommen. Ich setze mich an einen Tisch unmittelbar an den aufgeschobenen Türen der Straßenfront, neben dieses Pärchen, das irgendwie aussieht als wären beide separat vor einem Jahr aus Kreuzberg nach Mitte gezogen. Mein Platz erlaubt mir mit dem Restaurant im Rücken, die Oranienburgerstraße panoptisch zu betrachten. Alle vier Minuten rumpelt eine Straßenbahn in Richtung Friedrichstraße vorbei. Von rechts nach links. Menschen gehen in beide Richtungen. Hier warte ich bei einem Essen auf eine Freundin, die mich später abholen wird. Ich bin übers Wochenende in Berlin, um meine Fotoausstellung in der Galerie Kapinos zu eröffnen. Meine Bilder zeigen meist einfache Dinge. Dinge, die man schon zu kennen glaubt, aber mit einem anderen Blick. Vor drei Jahren war ich von Köln nach Paris gezogen, um aus der Bedrängnis des neuen deutschen Zentralismus rauszukommen. Dieses paranoische System, dieses sich gegenseitige Taxieren, ob man nun nach Berlin geht oder sich dagegen entscheidet. Und überhaupt, alles was damit zusammenhängt. Was gab es da noch zu entscheiden? Ich habe meine Assistentenstelle an der Kunsthochschule gekündigt und mich in Paris mehr auf Fotografie konzentriert. Das Restaurant heißt Tagore. Die Speisekarte zeigt das bärtige Porträt des indischen Künstlers Rabindranath Tagore in einem ovalen Mandala, das durch seine Verzierungen wie ein plattgedrückter Kronkorken aussieht. Rabindranath Tagore war ein früher Popmodernisierer des indischen Lebens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er wurde erst spät zum Poeten, Maler und Bildhauer – das ganze Programm. Er gründete ein Künstlerdorf in der Nähe von Kalkutta, wo er die durch die Kolonisation unterdrückte indische Musik und den traditionellen Tanz wiederbelebte. In diesem, wie ich finde, libertär gestimmten Restaurant, ziehe ich ein Taschenbuch aus der Jacke, das ich morgens für eine Mark auf dem Büchermarkt der Museumsinsel gekauft habe. Nur dunkel erinnere ich mich noch an den Philosophieunterricht in der Schule. Machiavelli, der hatte etwas Abstoßendes in meiner Erinnerung hinterlassen. Deshalb hatte ich mich vermutlich für das Buch entschieden: »Bücher des Wissens. Macchiavelli [sic]. Auswahl und Einleitung: Carlo Schmid« – ein harter Gegensatz zum modernistischen Tagore. Nachdem ich bei einer jungen deutschen Bedienung ein rund gewürztes Thali bestellt habe, sehe ich schemenhaft Passanten vorbeigehen und schlage das Kapitel »Was ist der Mensch?« auf: »31] Die Menschen sind immer schlecht, wenn sie nicht durch den Zwang der Notwendigkeit gut gemacht werden.« Ich muss lachen. Ja, eine solche Menschenverachtung fehlt mir gerade noch. Mein Blick schweift über die Straße. Ein junger Schnösel geht auf das gegenüberliegende Schaufenster eines Optikers zu, scannt es mit interesselosem Blick und dreht sich soweit um, dass er mich sieht, geht langsam auf das Restaurant zu, um dann abzubiegen. Einige Sekunden blicken wir uns in die Augen. Wie kann er nur so direkt sein, meinen Blick so erwidern. Habe ich ihn angestarrt? War mein Blick etwa spöttisch, weil ich ihn für irgendeinen dieser E-Business-Wichtigtuer halte, einen von der Generation Berlin-Mitte, die hier hingekommen sind, um mit dem Geld ihrer Eltern ein kleines E-Bizz aufzumachen, und gerade mit ihren Börsenkursen abgestürzt sind? Was hält er in der Hand? Es muss ein Magazin sein. Welches, kann ich nicht erkennen. Ein Gespräch am Nachbartisch hört sich wie ein Paar-Encounter an. Sie essen abwechselnd mit schnellen Dialogfolgen, während sich ihre Blicke tief in das Essen bohren: Hier herrscht nicht die beste Stimmung. Dicke Luft, könnte man sagen, ohne zugehört zu haben. Der Ton ihrer Stimme schwingt übergangslos von erklärend zu vorwurfsvoll. Ein konkretes Thema ihrer Diskussion lässt sich nicht peilen, aber einer der Halbsätze klingt wie: »…Derrida ist out… jetzt geht es wieder um Unmittelbarkeit…«, während sie bedeutungsvoll die Augen aufreißt. An einem anderen Tisch streichelt sich ein Pärchen manisch die Hände. Sie tragen dunkle Kleidung; vermutlich vor kurzem nach Berlin gezogen, und nun sammelt man sich für die kommende Woche, den Arbeitskampf auf dem deregulierten Markt der EinzelkämpferInnen. Oder etwas anderes Apokalyptisches. Beide starren verloren auf die Straße. Gerade fährt eine Gruppe von KünstlerInnen vorbei: alte Sperrmüllgurken und gefederte Hightech-Räder. Sie fallen sofort auf mit ihren klischeehaften Secondhand-70er Jahre Anzügen und ihren typisch Berliner Understatement-Klamotten-Mischmasch – gerne große Hornbrille, brauner Anzug, adidas-Trainer und grelle Daunenjacke. Zwei von ihnen, die beiden Künstler, Natascha Sadr H. und Christoph Keller kenne ich schon seit Anfang der 90er aus dem Botschaft e.V.-Umfeld. Sie bemerken mich nicht und rauschen vorbei. Später werde ich von ihnen erfahren, dass sie auf der Suche nach einem schnellen und billigen Essen waren, um die anschließende Nacht im Videostudio zu überstehen. Dieser in Mitte noch gegenwärtige Lebensstil, der Kunst mit ganz bestimmten Lebensformen kombiniert, Freundschaften und Karrieregemeinschaften, akademische und irgendwie kunstcomputing Netzwerke wie sie in anderen Städten so ähnlich, wenn überhaupt, nur als Mikromilieus auftauchen, wurde in der zweiten Hälfte der 90er Jahre auf der Alten Schönhauserstraße von den Designerklamottenleuten abgelöst. Zuerst gab es Boutiquen, in denen nur ein, zwei Anzüge oder Kostüme und drei Paar Schuhe zu sehen waren. Meist stand ein silberner Audi TT davor. Es kam mir immer vor wie nachgespielte Werbeclips aus dem Fernsehen. Seien ihre Kunden aus den Medien oder aus der Politik. Vielleicht hatten sie auch gar keine Kunden, sondern waren nur Abschreibeobjekte. Auf jeden Fall wirkten die hochgestylten Shops zwischen den grau strahlenden Plattenbauten und den ungläubig vorbeiziehenden Nachbarn so synthetisch wie hin gerendert. Mein Blick fällt auf das Buch in meiner Hand: »32] Wie uns alle lehren, die sich um die Erkenntnis der das Zusammenleben der Menschen betreffenden Dinge bemühen, und wie es jedes Geschichtsbuch durch eine Fülle von Beispielen belegt, muß jeder, der einem Staat eine Verfassung und Gesetze gibt, davon ausgehen, daß alle Menschen böse sind und daß sie so oft von der Bosheit ihres Herzens Gebrauch machen, als sie dazu freie Gelegenheit haben. Wenn irgendeine Bosheit eine Weile nicht sichtbar wird, so rührt dies von einer verborgenen Ursache her, die man nicht kennt, weil man noch keine Erfahrung vom Gegenteil hat. Die Zeit aber deckt sie auf, die Zeit, die man die Mutter der Wahrheit nennt.« Am Tisch hinter mir reden zwei Männer über das Buch »Tristesse Royale«: fünf deutsche Literaten diskutieren im Hotel Adlon über den Pop der Berliner Republik und ihre Mitte, die in den U-Bahnen nur dumme Wurstgesichter sahen, und versuchten, das Hobby aller Schnösel der 80er Jahre zu reaktivieren, nämlich in/out-Listen zu diskutieren und ultimativ coole Pop-ismusregeln zu definieren. Wie könnte es auch anders sein in einem Berliner Restaurant: Man debatiert die neue deutsche Literatur. Hier im Herzen der Mitte, die längst von Immobilienfirmen umgebaut, grundrenoviert, vermietet und verkauft, von den Politikern als ökonomisches Konstrukt ausgehöhlt aber beständig neu definiert und umkämpft wird. Die letzte Funken schlagende Intellektualität. Gott segne diesen Ort. »Ne, haste den Dummwichs von Stuckrad-Barre im Stern gelesen«, speit der etwa Achtundzwanzigjährige mit dem rasierten Schädel über den Tisch, »da hat der jetzt ‘ne Kolumne über die Bilder eines Tages. Die er ausgesucht hat. Das ist natürlich aus der De:Bug übernommen, dem Magazin für »elektronische Lebensaspekte«, wie die sich nennen. Von so’nem Typen werden da auch immer drei Bilder aus den Medien besprochen, Heidenreich oder so, heißt der.« Ich höre auf. Zufällig kenne ich ihn, Stefan Heidenreich. Seit 1991 wohne ich immer bei ihm, wenn ich in Berlin bin. Damals hat er, von der schwäbischen Alb kommend, diese Wohnung besetzt. Sie wurde mittlerweile renoviert. Das Haus ist seitdem durch mehre Besitzerhände gegangen, wie die meisten hier, und die BewohnerInnen haben sich außer ihm komplett ausgetauscht. Und der Dachstuhl, auf dem wir uns früher gesonnt haben, wurde ausgebaut und für 1,5 Millionen DM verkauft. Seine Freundin, Christina, wohnt auch in der Nachbarschaft. Sie ist Visagistin für Vogue und all diese teuren Magazine. Sie hat einen supernetten kleinen Hund: Tippi. Ihre Wohnungen sind für mich der Inbegriff des bohèmistischen Mitte-Menschen. Ihr Improvisations-Ambient ist noch liebenswert aus dem historisch-ist-hier-politisch aufgeladenen Trödel und 70er-Jahre-Retro aus den 90ern zusammen designt, auch wenn sich um sie herum alles, aber auch alles geändert hat. Der etwa Fünfunddreißigjährige mit dem Secondhandanzug steuert in dieselbe Richtung wie sein Tischnachbar: »Zum Kotzen, einfach völlige Scheiße. Aber alle quatschen drüber, egal, wie schrecklich flach Stuckrad-Barre schreibt. Das Ende des Mainstreamporridge.« »Ja, das ist die Korken-Theorie: Der ist wie so’n Korken, du weißt schon, egal, wie aufgewühlt die See ist, wie schaurig die Brühe vor sich hin wabert, der gehört zu denen, die immer schön oben treiben.« »Wie jetzt? Das findest du gut?« fragt sein Gegenüber, die Stirn runzelnd und einen tiefen Zug von seiner Players American Spirit saugend, mit der ultimativ bestgestylten Kippenpackung, die ein in Farbe und Form aus Cultural-Studies destillierter Indianerkopf ziert. Da ist man sich einig. »Also, wenn du dir die ganze Öffentlichkeit als Meer vorstellst, dann ist der Stuckrad-Barre so’n Korken. Jede Welle, die über ihn rollt, spült ihn doch immer wieder nur nach oben. Von Anfang an wurde diese neue deutsche Pop-Literatur von allen Literaturpäpsten kritisiert. Das war gerade die Chance für sie. Alle wollten sie als junge Dummchen abtun. Genau das wurde ihr Kapital: Ein Bruch mit allem, was die Alten für gut hielten. Trotzdem ist er supererfolgreich. Der liest ja sogar auf dem Openair „Rock am Ring“.« »Ja, wer spült diese Korken denn nach oben? Das sind wir, die wir uns über solche Phänomene das Maul zerreißen und ihre Bücher kaufen. Und vor allem, hältst du das für eine qualitative Kategorie: ein Korken sein?« »Nee, eine leichtere Dichte haben, die sich von der Masse unterscheidet. Man kann das auch einfach „hohl“ nennen. Aber das zeigt doch mindestens zwei Dinge: Er hat sich in gewisser Weise durchgesetzt in der Öffentlichkeit und man kann daraus schließen, dass sein Management gut funktioniert. Das verstehe ich unter der aufgeblasenen Gummipuppe Pop, auf der jetzt alle reiten.« »Das ist doch voll Scheiße. Wenn du die richtigen Leute hast, die dich unterstützen, dann kannst du jeden Scheiß verkaufen.« »Ja, das nennt man neoliberal-kapitalistische Öffentlichkeit, das darf man auch in der Kunst nie vergessen.« »Ich weiß. Und was ist mit dem bewusstseinsverändernden Potential, dass Pop mal hatte. Denk mal an das Buch „Acid“. Als ich das mit siebzehn beim 2001-Versand bestellt und gelesen habe, dachte ich, das will ich alles haben, jetzt, hier alles. Das Buch hat meinen Kopf von allen anerzogenen Verrenkungen frei geblasen. Das war genau die Pop-These von den alten Kölner Heroes Brinkmann, Rygulla und so, dass selbst eine verbeulte Cola-Dose auf der Straße mehr geile Poesie und politische Sprengkraft hat als eine durchs museale System hoch gezüchtete und gerahmte Ölmalerei oder ein Siebdruck.« »Wenn der Stucki-Barre nicht Ghostwriter von Harald Schmidt gewesen wäre, dann hätte der das doch nie geschafft.« »Das kann sein, aber Harald Schmidts Macht in der gesamten Kultur beeindruckt ja sogar Rainald Goetz, von dem man früher mal dachte, dass er ein Durchblicker sei und selbst mittlerweile auf dem Weg zum Literaturpapst ist.« »Nee, das habe ich nie gedacht. Obwohl er ein paar nette Bücher rausgehauen hat, aber wer sich erst zehn Jahre nach Punk bei einer Dichterlesung – ja, bei einer Dichterlesung in Klagenfurt oder so – theatralisch die Stirn aufritzt, der eignet sich wohl eher als PR-Mann. Auch wenn er sich vorher mit zwei Doktortiteln dekoriert hat, standen die ihm als Reputation bestens zu seiner weißen Punkfrisur. Das waren die 80er« Schnelle Argumentationskaskaden der Nachbarn springen über kulturelle Absätze: Gerade eine Woche vorher hatten sie die Harald Schmidt-Show gesehen: einmal war der neu-deutsche Popliterat Christian Kracht und einmal war der nicht weit von dieser Szene entfernte Herausgeber der Berliner Seiten der FAZ, Florian Illies, zu Gast. Wie die Images dieser Mediengestalten formuliert – heute sagt man »erfunden« – werden, ist kein Geheimnis. Während meines Jobs in einer der größten deutschen Medienagenturen, house of promotion, wird man temporär Rädchen: ein System gegenseitiger Einladung, um die Projekte vorzustellen, ein System gegenseitiger Verstärkung der Medienpräsenz. Und in den Agenturen sitzen Mannschaften von Gagschreiber- und KonzeptionerInnen, die sich unter wahnsinnigem Konkurrenzdruck zugekokst gegenseitig wegmobben. Mein Blick senkt sich auf das Buch: »33] Die Menschen sind so einfältig und so auf die Nöte des Augenblicks eingestellt, daß einer, der sie täuschen will, immer einen finden wird, der sich täuschen läßt.« Wer lässt sich hier täuschen? Und wer will täuschen? Was ist nur Fassade, Accessoire oder Attitüde? Was das wirklich Wichtige, der Kern, die Substanz? – Fragen blenden sich über das Gespräch am Nachbartisch: Im Prinzip scheint mir die neue deutsche Pop-Literatur eine Synthese aus dem alten Spex-Stil minus den politischen Anspruch plus Harald Schmidt minus den intellektuellen Fun. Teilweise durch eine Brise jugendlich-intellektuellen Leichtsinn aufgepolstert. Kein Stil – das ist eigentlich gut daran. Eher ein historisches Phänomen. Man merkte spätestens hier am Ende der 90er, dass die Medienkompatibilität von gescheitem Gequake über Pop-Musik nicht eine linkspolitische Haltung garantierte. Man denke nur an Brett Easton Ellis’ »American Psycho« Anfang der Neunziger – ein großes Vorbild der neuen Popschreiber –, der seinen Hobbyserialkiller, der hauptberuflich ein Wallstreetbroker ist, inspirierte Exkurse gleichberechtigt über Mineralwasser, U2 und Whitney Houston führen lässt. Brillanter Pop, der Tom Wolfe erblassen ließ. Doch dem Personal des Kapitals ein kulturelles Wissen zugesteht, dass die Cultural Studies erblassen lässt. Das liest sich verdammt gut, aber verlagert die kulturelle Stichwortproduktion an die Börse. Ja, die Spex hatte eine undemokratische Redaktionspraxis in den 90ern, es war etwas anderes drin, als drauf stand. Erst Mitte der 80er Leserbriefe aus einem kleinen Kaff geschrieben, das war der erste Kontakt zur großen Kulturproduktion, später in Köln ein paar kleine Texte für sie, wobei mir schnell klar wurde: Hier geht es jetzt um etwas anderes als wir immer gedacht hatten: eben nicht um kulturelle Politik, die Theorie über Anekdoten, die Kritik über Poesie stellt, und ein Kommunikationsmodell, mit dem versucht wird, libertären Informationsaustausch zu praktizieren. – Ach, so naiv hast Du das projiziert? Na klar, überall saßen Gruppen zusammen und diskutierten die neue Ausgabe. Im Rückblick auf die neunziger Jahre sehe ich die Spex aber als ein avantgardistisches Phänomen der Selbstausbeutungsökonomie, wie es gegenwärtig für das kreative Subproletariat in der Medienindustrie prägend ist mit all seinen politischen Folgen. Die Differenzen zur intro erhöhten anfangs den Marktwert. Das sehe ich anders, denn die Informationspolitik in der Redaktion und im Umfeld hatte sich irgendwann komplett verkehrt. Die neue, schnelle Informiertheit des Internets braucht keine diskursiven Übereinstimmungen und Opinionleader, sondern Macht, um die eigenen Interessen durch zusetzen. Klar, deshalb haben die HerausgeberInnen sie ja auch verkauft. Das Gerangel um die Gunst des kulturintellektuellen Monarchenpaares, Diedrich Diederichsen und Jutta Koether, hatte aus der Nähe betrachtet etwas Absurdes bei allem Respekt für den intellektuellen Output. – Es gab dann diese Ausstellung von Münchner Künstlerinnen: „Der Name Kim Gordon darf nicht erwähnt werden.“ Ach, das sind Randphänomene. Die Aussage kam bei den Betreffenden doch nicht an. Die Institution Spex, die ihren kulturellen Machtpol aus der connection zwischen musikalischem Pop und polit-kulturellem Wissen perma-erneuerte, wurde von den Glamour-Projektionen ihrer UserInnen ins Unerträgliche verklärt; das feedback steht noch pfeifend im Raum – das musst Du erstmal schaffen. Ja, schon klar, aber das merkte man spätestens, wenn man mal einer ihrer gnadenlos ätzenden, hierarchisierenden Inklusions/Exklusions-Diskussionen im Kölner Sixpack beigewohnt hatte. Null Außenwahrnehmung – gerade wegen der diskursiven Binnen-Reflexion von allem und jedem. Der pure naive Glaube, dass man mit einer Partizipation am Differenzpol seine fünfzehnminütige Portion Ruhm abholen könnte, ließ ambitionierte wie unambitionierte SchreiberInnen scharenweise nach Köln ziehen – obwohl viele als Kabelträger bei RTL landeten. Die unausgesprochene Abmachung, keine oder sehr geringe Entlohnung für quasi 24-Stunden-Jobs und keine Ausfallhonorare für zum Teil unverschämt kurzfristig gesetzte Produktionszeiten zu zahlen, waren jedoch die Bedingungen, die letztlich auch dem Medienstandort Köln und der Comedysierung der Gesellschaft zugearbeitet haben. Das mag schmerzhaft sein. Vor allem von hier aus: Der Neuen Leeren Mitte. Hier hat sich dies alles noch einmal potenziert. Hier herrscht nun die reine Repräsentation. Diese nette Wortmischung aus: Wieder-Präsentation, Re-Präsenz und Re-Präsent(ant). Der Sciencefiction-Roman Phonon von Dietmar Daht, dem ehemaligen Spex-Chefredakteur in der letzten Phase, bevor sie ein Verlag übernahm, ist deshalb leider in die Slackerhose gegangen, weil er aus den verdammt realen Personen und ihren Geschichten heavy Esoterikcodes gemacht hat und so nur die Fraktion der Spexleser (ohne -Innen) anspricht, die eh nie etwas anderes als nerdig bekiffte Geheimsprachdekodierer waren. Das Buch hätte auch eine Fiction-Dokumentation über zwanzig Jahre Spex werden können, mit einer schönen medienpolitischen Strategie. Anstatt diese eineinhalb Jahre, die er dort gearbeitet hat, so zu vernebeln und sich aus der Verantwortung – den Begriff benutze ich ungern, da er mich an Eltern- oder Jugendrichtermahnungen erinnert – für seine Beobachtungen schleicht. Doch muss man sich darüber im Klaren sein, dass der Verlust einer dissidenten Stimme, die von politisch motivierter Analyse bis zu intellektualisierter Werbung für kulturelle Produkte reichte, für das die Spex lange genug den one and only Amplifier darstellte, auch den Verlust einer Definitionsgewalt für kulturelle Differenzen bedeutet. Das führte erst zu der Möglichkeit, dass die Harald-Schmidt-Connection sich die Spex-Genealogie – etwa: Rolf-Dieter Brinkmann/ Rolf-Ulrich Kaiser/ Hunter S. Thompson/ Kathy Acker – aneignete und in eine deutsche Softcore-Version für die Stefan Raabs dieser Welt umdichtete oder übersetzte. Aber ist das nicht gerade die großartige Funktion von Popmagazinen? Auf diese Weise wurde die ehemals avantgardistische Montage aus Fantum, Semiotik, Rausch, intellektualisiertem Witz und unterschiedlichen Schreibweisen zu einem durchgesetzten Kode der Kulturindustrie. Dazu kommt die hysterische Rezeptionshaltung, im popkulturellen Soziotop die neusten Meldungen einer kleinlichen Analyse zu unterziehen. Was macht die Harald-Schmidt-Show anderes, als Medienereignisse trashig kommentiert zu inszenieren, Minderheiten- und Sexwitze als Übertretung moralischer Codes zu kaschieren und das Ganze mit ein bisschen Selbstironie aufzupeppen? Das macht sie für uns so begehrenswert entspannend vor dem Schlafengehen… Eine vorbeirollende Straßenbahn übertönt die Nachbartischgespräche. Ich wende mich wieder dem Buch zu: »35] Von den Menschen gilt schlechthin: sie sind undankbar, wankelmütig, heuchlerisch, sie laufen Gefahren davon und sind auf ihren Vorteil aus. Während du ihnen Wohltaten erweisest, sind sie alle dein, bieten sie dir ihr Blut, ihr Vermögen, ihr Leben, ja ihre Söhne an – solange das Bedürfnis danach ferne ist. Wenn das Bedürfnis aber naherückt, dann fallen sie um. Der Herrscher, der sich ganz auf ihre Worte verlassen und sich nicht vorgesehen hat, geht zugrunde, wenn er mit leeren Händen dasteht. Freundschaften, die man um Geld erwirbt und nicht durch Größe und Adel des Geistes, verdient man zwar, aber man hat sie nicht in der Tasche; darum kann man im Notfall nichts damit anfangen.« Das Gespräch der beiden Männer blendet sich über meine Lektüre: »Dem Stuckrad-Barre sollte man doch einfach mal nach einer Lesung einen ›schönen Abend wünschen‹.« »Hey, der hat sich intellektuell längst selbst ausgetrickst: Dass Stucki-Barre ein Identitätsproblem hat, ist spätestens klar geworden, als er die Titanic verklagte.« »Was jetzt?« »Die Titanic hat – wie sie schreibt – eine Anzeige mit dem Text: „Benjamin von Stuckrad-Barre liest ab 11. Mai täglich in der Mehrzweckhalle der JVA Cottbus, Westflügel“ aus Versehen mit dem Porträt des Sexualstraftäters Stephan Jung, der dort absitzt, gedruckt. Daraufhin hat Stuckrad-Barre die Titanic verklagt. Doch das war noch nicht alles. Sie brachten im nächsten Heft eine weitere Anzeige, diesmal mit dem Konterfei von Timothy Mc Veighe, der in den USA gerade wegen seines Bombenanschlags in Oklahoma hingerichtet worden war, mit der Zeile: „Lesung abgesagt“.« »Das ist zum Brüllen. Stuckrad-Barre macht sich bei seinen Lesungen doch genau über solche Medienereignisse lustig.« »Ja, und darauf folgte eine Anzeige mit dem Portrait des Dalai Lama. Hihihi…« Während sich das Gespräch der beiden Männer wie ein Schleier über den Raum legt, genieße ich mein indisches Essen, das ich zu den größten Genüssen des Lebens zähle, und lese: »36] Wankelmut ist das Wesen der Menschen. Es ist leicht, sie von einer Sache zu überzeugen, schwer, sie bei dieser Überzeugung zu halten. Darum muß man sich so einrichten, daß, wenn sie nicht mehr bereit sind zu glauben, man sie mit Gewalt dazu zwingen kann.« Also hätte man nur die Möglichkeit, sich auszusuchen, wo man mitspielt, seinen eigenen Laden aufzumachen oder sich um alles einen Dreck zu scheren und als Junky, Desperado oder Söldner (gleich Freelancer) umherzuziehen. Wobei die letzten beiden Kategorien meist nicht weit auseinander liegen. Irgendwo sind alle käuflich. Es ist nur eine Frage des Preises. Das zeigt sich daran, dass kaum noch jemand Kritik übt, ohne die damit verbundenen Risiken zu kalkulieren. Kritik ist zu einem Optimierungsfaktor geworden ist. Da kenne ich einige Künstler, die so leben und arbeiten: Zunächst versuchen sie durch eine spezifisch kritische Produktion in den Markt zu kommen. Finden sie auf diese Form Zuspruch, dann gilt es, durch die Masse ihrer künstlerischen Arbeiten in diesem Stil zu überzeugen. Bei den allermeisten bleibt aber die Anerkennung aus. Also: irgendwie Geld verdienen und zusätzlich künstlerisch arbeiten. Taxifahren? Das nimmt ziemlich viel Zeit in Anspruch, erfordert viel emotionales Investment, macht einen empfindlich für Kritik und lässt einem oft wenig Zeit für soziale Praktiken, außer Kneipenbesuchen und Drogenkonsum. Dieses deregulierte Leben bringt vor allem Dünnhäutigkeit und übersensibilisierte Singles hervor. Da ist es kein Wunder, dass Alkoholismus in künstlerischen Kreisen der bessere Lebens- und Fernsehpartner ist. Dies ist ganz pragmatisch beobachtet und weniger als Entschuldigung oder Selbstrechtfertigung aufzufassen. Künstlerische Urteile werden zu sozialen Urteilen: Attraktivität, Unattraktivität und zerklüftete Psycholandschaften… Weiter bei Machiavelli: »39] Die Menschen verstehen gewöhnlich nur wenig von dem Gang der Weltläufe. Darum machen sie die größten Fehler und um so größere, je mehr es sich um Dinge außerhalb der Norm handelt.« Gesprächsfetzen reißen mich aus den Gedanken: »Und dann habe ich gewartet. Ich mag es nicht, wenn du mich warten lässt.« Am Nachbartisch wirft sie ihm Ignoranz vor: »Du weißt genau, dass ich auf solche Spielchen nicht stehe.« »Aber hör mal, was heißt hier Spielchen? Ich war beschäftigt.« »Du und deine Arbeit. Immer bist du mit deiner Kunst beschäftigt. Du denkst nur an dich. Alles, was du hast, bist du selbst, dein eigener Egoismus. Du kannst gar nicht lieben.« »Nein, das ist nicht wahr, ich habe ständig an dich gedacht«, versucht er einzuwenden. »Warum hast du dann nicht angerufen? Du hättest mir mailen können…« »Aber, wenn du mit mir reden willst, warum rufst DU mich dann nicht einfach an?«. Peinlich berührt, suche ich bei Machiavelli nach Ablenkung von diesem Beziehungspatt: »40] Der Mensch ist von Natur ungeduldig und kann die Befriedigung seiner Leidenschaften nicht lange hinausschieben. Er täuscht sich gerne in den Dingen, die ihn selbst betreffen, und am meisten in denen, die er am sehnlichsten herbeiwünscht.« Vermutlich hatte sie von ihm etwas erwartet, was sie ihm vorher nie gesagt hatte. Ob das eine geschlechtsspezifische Fragestellung ist, oder die Geschlechter austauschbar? Mein irritierter Blick auf die Straße trifft eine Prostituierte auf dem Weg zu ihrem vermutlich nicht weit entfernten Stammplatz auf dem Straßenstrich Oranienburger Straße: weißblonde Lockenperücke, glänzendhelle Nylonstrümpfe wie aseptisches Gummi und silberne Plateaustiefel, damit die Beine unendlich wirken. Ihr Gesicht ist egal, austauschbar. Irgendwie kommen mir die Nutten hier wie Roboter oder Cyborgs vor, alle ähnlich uniformiert. Und erstaunlich ist es doch, dass sie hier nachts in der Mitte rum stehen. Doch was bedeutet es, außer, dass sie ihr Revier auch nach der Wende verteidigt haben. Irgendwie gut, dass sie noch hier stehen. Es erzeugt eine merkwürdig realistische Alternative zu dem Private Psycho Ambient, den Beziehungsbeobachtungen, die ich im Restaurant höre. Käuflicher Sex. Essen. Berechtigte nicht schon die Diskussion über den französischen Literaten Houellebecq zu sagen: Sex ist solange ein Werbeslogan oder eine Form der Fernsehunterhaltung, bis man ihn selbst hat. Und das ist selten genug. Auf jeden Fall ist die Häufigkeit des Über-Sex-Redens in Talkshows, in der Werbung, auf Hotlines oder Chatforen und auch im so genannten Privatleben eher ein Zeichen für fehlenden Sex als für irgendeine Form der Liberalisierung. Das meinte schon Foucault. Und mit Houellebecq in der Erinnerung sitze ich gerade im Zentrum des Genusses, denn, wenn ich mich richtig erinnere, schreibt er: »Der Supermarkt ist das wahre Paradies der Moderne.« Sitze ich hier in Mitte nicht gerade in einem großen Freiluftsupermarkt, einer Shoppingmall, durch die man noch mit dem Auto und der Straßenbahn fahren darf, oder handelt es sich einfach um eine traditionelle Innenstadt? Hier in Mitte gibt es alles: Cafes, Restaurants, Bars, Designershops, Supermärkte, Drogeriemärkte und Nachtklubs, Museen, Universitäten, Kanäle, Ausflugsschiffe, Banken – ja, vor allem Banken, dämmere ich über den französischen Literaten: »…Der Kampf hört an der Tür auf, die Armen beispielsweise betreten ihn nicht. Man hat woanders Geld verdient, jetzt wird es ausgegeben. Für ein sich ständig erneuerndes und abwechslungsreiches Angebot, dessen guter Geschmack meist zuverlässig und dessen Nährwert dokumentiert ist. Nachtklubs bieten einen ganz anderen Anblick. Trotz fehlender Aussichten werden sie weiterhin von zahlreichen Frustrierten besucht. Sie haben somit Gelegenheit, sich Minute für Minute ihre eigene Erniedrigung vor Augen zu führen. Wir stehen der Hölle hier viel näher. Nebenbei gesagt, gibt es Supermärkte des Sex, die einen nahzu kompletten Pornokatalog anbieten. Das Wesentliche aber fehlt ihnen. Denn das, was beim Sex hauptsächlich gesucht wird, ist nicht der Genuß, sondern die narzistische Befriedigung, die Huldigung, die der begehrte Partner der eigenen erotischen Geschicklichkeit erweist. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb Aids nicht viel geändert hat. Das Kondom verringert den Genuß, aber im Gegensatz zu Lebensmitteln ist nicht der Genuß das gesuchte Ziel: Ziel ist die narzistische Trunkenheit der Eroberung. Der Porno-Konsument verspürt nicht nur nicht diese Trunkenheit, sondern ein oft geradezu entgegengesetztes Gefühl. Will man das Bild vervollständigen, könnte man abschließend hinzufügen, dass manche Leute, solche mit abweichenden Wertmaßstäben, Sexualität weiterhin mit Liebe gleichsetzen.« Dies ähnelt William Burroughs Sicht, dass die Liebe eine Erfindung der Frauen sei und eben oft mit Sex verwechselt würde. Schwenk zu dem Pärchen am Nachbartisch: »Du hast mich in deiner männlichen Selbstsucht ausgenutzt. Immer besänftigst du mich. Diesmal wird dir das nicht gelingen. Es hat einfach keinen Zweck mit dir.« Beide ziehen nach dem Zahlen mit gesenkten Köpfen ab. Ihnen nachsehend, beginne ich zu lesen: »43] Die Menschen springen von einer Stufe des Machtwillens auf die andere über. Die erste ist, imstande zu sein, zu verhindern, daß einem was getan werden kann; die zweite ist, imstande zu werden, anderen etwas antun zu können.« Immer diese Angst vor der Einsamkeit. Vermutlich ist die Angst vor der Einsamkeit ein Hauptgrund für die Erpressbarkeit, die viele Beziehungen regiert. Wie oft nimmt man in Kauf, schlecht draufzusein, den Partner schlecht drauf zu bringen, nur weil man selbst nicht genau weiß, was man will. Wenn die Existenz substantiell gesichert scheint, ist dies eine der schwierigsten Aufgaben des Zusammenlebens. Gibt es keine Auflösung der Pärchensituation: Alle sind immer auf der Suche nach idealen Partnern oder verlieben sich in jemandem, der oder die sie selbst nicht liebt. Und dasselbe tun sie dann denjenigen an, von denen sie selbst geliebt werden. Verquaster kann es gar nicht sein. Es ist ein andauerndes Spiel des Verliebens und Frustriertwerdens. Des Zurückstoßens und des Zurückgestoßenwerdens. Dabei ist einer der größten Faux pas, zuzugeben, dass man keine Beziehung hat, aber dringend eine sucht. Das ist ihhh. Damit will man nichts zu tun haben. Schließlich ist jeder selbst Schuld, wenn er oder sie nichts dran ändert. Da es jedoch keine Mitte gibt, haben wir weder einen »Verlust der Mitte«, noch führt »der lange Weg nach Mitte« irgendwohin. Wir haben die leere Mitte, die Politik der großen Mitte, die renovierte Mitte, die Generation-Mitte und die Mitte-Pop-Literatur. Wir sind angekommen: doch die Mitte ist. Mein Hauptgrund nach Paris zu gehen, das will ich zugestehen, war die unglaubliche politische Regression, die sich abzeichnete, als die beiden Türme des World Trade Centers in sich zusammenstürzten. Ich projizierte im selben Augenblick das Begräbnis aller kulturalistisch politischen Diskussionen und Projekte, die man in den neunziger Jahren im linken kulturellen Feld betrieben hatte. Und richtig. Als erstes wurde verkündet, dass der Datenschutz abgeschafft, die Überwachung der Innenstädte verschärft werden solle und damit wurden all die rassistischen und sozial deklassierenden Exklusionsverfahren in Anschlag gebracht, die man unter der CDU-Regierung noch einem konservativen Regime ankreiden konnte. Ich wollte nun mehr mit den Bildern arbeiten. Paris schien mir dazu die nötige Verschiebung. Da pendelt die Wahrnehmung zwischen dem libertären Tagore und dem monarchistischen Machiavelli. Jutta, diejenige, auf die ich hier warte, ruft mobil an, um nach dem Weg zu fragen. Sie steht hundert Meter entfernt und findet das Tagore nicht. Es hat sich so viel geändert. Gleichzeitig läuft im Fernsehen die Tagesschau, wo das Statement der deutschen Regierung zu den Angriffen auf das World Trade Center in New York gesendet wird: Gerhard Schröder, der mit dem Slogan der Neuen Mitte Bundeskanzler wurde, verordnet von seinem neuen Bundeskanzleramt in Berlin-Mitte aus, dass wir Deutsche nun mal im Tausch mit Kennedys Ausspruch – »Ich bin ein Berliner«– alle sagen sollen: »Wir sind Amerikaner.« Was ist in der Mitte? »Derrida ist out«, hatte die Frau am Nachbartisch gesagt, »Derrida ist out, jetzt geht es wieder um Unmittelbarkeit«. Stan Back, Paris ca. 2002 Dietmar Dath, Phonon. Oder Staat ohne Namen, Berlin 2001. Michel Houellebecq, Die Welt als Supermarkt, Köln 1999, 31f.

»Das Zucken des simulierten Staates wird ›spektakulär‹ sein, aber in den meisten Fällen wi
rd die beste und radikalste Taktik sein, sich spektakulärer
 Gewalt zu verweigern, sich aus dem Feld der Simulation
 zurückzuziehen, zu verschwinden.«

Hakim Bey, Die Temporäre Autonome Zone – ontologische Anarchie, poetischer Terrorismus, Berlin und Amsterdam 1994, S. 113.

Letzter Eintrag: An der Küste angekommen

Es war ihm klar, dass er an einen Endpunkt gekommen war – als wäre er quer durch einen Kontinent gefahren und nun an der Küste angekommen, nach der er sich lange gesehnt hatte. Von der er schon lange geträumt, ja glasklare Bilder vor Augen gehabt hatte. Aber er war nun zweifellos am Ende der Straße; er war am Ziel angekommen, ohne darüber froh zu sein, und deshalb musste er sich nach dem Taumel über die Ankunft erst orientieren. Das war nicht sein Ziel. Irgendwie kam die Sektlaune am Kliff noch nicht richtig auf. Es war offensichtlich nicht sein Ziel. Wenn er mehrjährige Projekte zu Ende brachte, fühlte er sich immer sehr alt und fremd in dieser Welt. Die Situation schrie nach einer Party, nach einem Fest, nach exzessiver Trunkenheit. Doch während er in einem high über das erfolgreiche Projekt nach dem richtigen Platz für eine Ekstase Ausschau hielt, merkte er, dass seine dritte längere Beziehung komplett abgewirtschaftet war. Eigentlich war sie schon vor einem Jahr in beiderseitigem Einverständnis aufgelöst worden, doch hielt man den Pärchen-Status nach außen hin aufrecht, um nicht in das Halbsein des Singles zu verfallen. Er sprach hier nicht von Affären. Es ging viel mehr um Beziehungen. Nicht, dass er sich mit irgendeiner Schuldzuweisung aufhalten wollte, aber das Gefühl nahm mehr und mehr Raum in ihm ein, dass sich die Bedingungen für Beziehungen ganz allgemein und unwiederbringlich verändert hatten. Ihm war nicht klar, ob es sich um eine ganz persönliche oder eine historische gesellschaftliche Entwicklung handelte. Dabei blieb ihm eine einfache Verallgemeinerung suspekt, dass nämlich das ganz Persönliche schon durch seine Veröffentlichung zum allgemein Gesellschaftlichen würde.

An der Küste also allein mit einem riesigen Cabrio angekommen. Doch erst jetzt – am Ende des vermeintlichen Wegs – merkte er, dass er gewisse Aspekte der Partnerschaft vermisste. Irgendein soziales – und er gab es zu – vielleicht sexuelles Loch – wobei er nicht genau lokalisieren konnte, wo dieses sich befand – neben, über, unter oder sogar in ihm. Ein großes Loch. Ohne sagen zu können, ob es eher das Sexuelle war, das mit dem Sozialen zu tun hatte, oder umgekehrt das Soziale eher mit dem Sexuellen, das so in eine Intimität umschlug. Ich muss da dran bleiben, dachte er. Das lässt sich nicht so einfach klären als skulpturaler Prozess oder dramatisiertes Gemälde.

Nun also mit dem Cabrio an der Steilküste angekommen. Definitiv nicht am Eismeer. Im sich lichtenden Nebel kann er keine anderen Figuren erkennen. Manchmal ist die Küste auch mitten in der Stadt, dachte er. Und man muss plötzlich die neue Situation mit einer neuen Sprache, (vielleicht auch nur) mit einer anderen Rhetorik zu fassen suchen.

Pixlig dreht der Mond seine Runden. Beton begreift ihn rau und hart. Der iPod spielt ihm die richtigen Takte, denn was ist eine gewundene Autobahnbrücke über einen Fluss ohne den richtigen Beat? Was ist ein dämmernder Tag ohne den richtigen Takt? Schnitt. Genau deshalb hasst Matias Faldbakkens Hauptfigur, Rebel, die Musik (weil sie auch noch die tristeste Situation beschwingt erscheinen lassen kann oder genießbar emotional auflädt). Schnitt. Ohne Hubschrauber oder Kamerakran könnte er sich nun nicht über diese Szene erheben. Die Technisierung der Wahrnehmung verwebt sich mit der Verwertung dieses Nervenmaterials. Runde um Runde um Runde. Das Leben als Video vor dem Flatscreen. Du schreibst Gegenwart auf deine Netzhaut (und mehr: in dein Hirn). Das echt schmerzhaft schöne Leben gleichzeitig aber abhaut. Als Existenzjob ohne Arbeit.

Neben dem Parkplatz nimmt er einen Espresso in einer typischen Strandkneipe unter der Betonbrücke. Jetzt war er in der Zone angelangt. Jeder Augenaufschlag galt nun zwar nicht gleich als künstlerische Äußerung, jedoch als Puzzleteilchen zu seinem Image. Auf dem Monitor über der Theke sang gerade hysterisch eine merkwürdig zeitgenössische Band:

The hardest song

I’ve ever sung

The strongest line

I’ve ever drawn

After all premises

And all expenses

Have to face all consequences

I draw whatever I saw…

Verträumt kehrt seine Aufmerksamkeit zurück zur alltäglichen Thekenexistenz. Im Hintergrund lief nun ein Bürger-TV eine seltsam geschnittene Sendung über sein Lieblingsthema: die Verifizierung der unbestimmbar schön zu nennenden Empfindung beim Denken. Und betrachtet man die Umgebung von Denkenden selbst: sie wird sofort affiziert von diesen Gedanken – ein ganz spezieller Raum. Plötzlich ist der Stuhl nicht mehr nur ein Stuhl und der Tisch nicht mehr nur ein Tisch. Dieses Denkobjekt »Stuhl« und dieses Denkobjekt »Tisch« dienen plötzlich nicht mehr, sondern taugen zu etwas ganz anderem. Daran sitzen, vielleicht. Sie arbeiten in der Denkfabrik. In der Zone. Intelligence Ambient, aber auf eine ganz andere Art. Hier werden Kunstkritiken getanzt; wieso kann nicht mal jemand Fotografien vorsingen? Als Denkobjekte. In einem Ausstellungsraum als Vorstellungsraum. Vor ganz großem Publikum in einem Alters- oder Obdachlosenheim. Ironiefrei gut.

Hier dann ganz anders: Die hinlänglich vom TV bekannte Legitimation für verbale oder visuelle Schnappschüsse von Menschen in blöden Alltagsituationen ist, dass sie berühmt sind für ihr Berühmtsein: Paris Hilton wie sie auf MTV ihr Bett, ihre Dusche, ihren begehbaren Kleiderschrank zeigt. Oder ein Fotoband mit den schönsten Modells vor dem Frühstück (mit der Illusion aufgeladen, man habe die Nacht zuvor mit ihnen verbracht). Diese Authentizitätshilfskonstruktion gilt auch für die entsprechenden Fotografen: Sie benutzen irgendwann, irgendwo irgendwelche Amateurkameras, und dies gilt als künstlerisch, weil sie keine selbstreflexive Medienkunst machen, die irgendwann früher rein durch den qualitativen Gebrauch des Mediums Fotografie – dokumentiert in teuersten und aufwendigsten Verfahren – definiert wurde. Ihre persönliche Story, ihre Autorschaft formuliert den Kunstanspruch. Sie werden von Kuratoren ausgestellt, die damit selbst auch vor allem ihr eigenes personal image pflegen. So steht ausgerechnet die Ontologie gegenüber den Bestrebungen der 1960er und 70er Jahre in der Kunst Kopf. Zynisch gesprochen: Bourdieus Kulturkapitaltheorie gilt seit 2000 als Manual für die Kunstarbeit. Soll man sich darüber etwa freuen? Die Rechnung zahlt die nächste Generation. Hier macht sich gerade jeder die Taschen fett – »da am Monopol«, wie Gustav singt. Muss irgendwie gefeiert werden. Aber an der Küste. Nachdem eine lange Strecke gefahren worden war. Mit einem Cabrio oder so. Irgendwie musste das doch gefeiert werden… Doch es war definitiv nicht sein Ziel. Konnte man nun etwa auch aus dieser verpfuschten Karriere schließen, wie man sich nicht verhalten soll, dann schien ihm darin doch ein erlösendes Moment zu liegen, dass die Schattenboxerei nun endlich erledigt war. An der Küste angekommen. Aus. Er würde nicht mehr versuchen, die Kunstwerke und Äußerungen anderer KünstlerInnen als strategische Setzungen zu begreifen, nicht mehr jedes Ereignis in der Hölle Kunst auf sich, auf seine Person, auf seine Kunstproduktion, seine Theorie, seine Karriere beziehen. Er war fertig damit. Irgendwie gefeiert werden. Aus Liebe zur Kunst, nicht deswegen, was man daraus gemacht hatte und fälschlicherweise darunter verstand.

Es braucht eine extreme Selbstbeherrschung, nicht lautlos zu schreien und transgressiv um sich zu schlagen. Eine Auszeit, (wie Aby Warburg sie sich genommen hatte oder etwa zwangsweise van Go.), wäre angebracht, dachte er. Aber das ist dann jenseits einer freien Entscheidung, oder. Und: kommt man so wirklich an der Küste an? Immer dieses Denken in Parenthesen.

Diesen Zustand, all dieses Systemgestammel musste ich in Bildern, in Fotografien, in Worten an die Wand bringen, in dem Zyklus: »Die Erweiterung des Alphabets«, das alles den eigenen Körper auf Schwarzweißfotografien buchstabieren lassen.

Wie hältst du das aus, Mann, wie hältst du das bloß aus: Wenn du aufstehst, willst du sofort loslegen, hey Gauloise!, noch schnell ‘ne Kippe anstecken und ‘nen Schluck Rotwein aus der Flasche, schon läuft die Kiste. Dann bekommst du Hunger, aber gestern hattest du keine Zeit zum Einkaufen. Überhaupt, was willst du mit gestern, vergiss gestern, Mann. Es ist doch alles immer viel mehr Arbeit, als man denkt. Die Stadt ist meine Sozialwollmilchsau. Gestern ist noch nicht morgen und wir vergessen die Zukunft nicht, in der die Vergangenheit ein kleines Zeitfenster war. Hauptsache alle haben ihre Stereotypen gelernt und die Vorurteile im Kopf einzementiert. Ein Baum egal. Ein Maßband, schon besser. Dazu ein Klemmbrett. Das ist das beste mir seit langem untergekommene Wort. Wörtchen. Gefeiert werden. Wie hältst du das aus. Gleich kommt der Galerist und dann müssen die Bilder ausgepackt und aufgehängt sein. Immer dieser Hunger: Schnell noch einen Espresso, weiter, der Magen piekst. Die Proofs im Labor abholen, zum Grafiker. Mittags ist ja Besprechung in der Redaktion; ich kenne einen Galeristen, der… Dann noch beim Werkzeugladen vorbei, und die Pizza mit Lisa aus dem Knall, die Musikredakteurin, nicht vergessen. Dann einen wichtigen Kunstfilm mit Vortrag des Künstlers, Mann, wie hältst du das bloß aus. Die anschließende Diskussion ist zum Abstinken belanglos und zum Abtanzen. Wer ist denn heute wieder alles hier. Jedes anständige Bürschchen und Mädel hat rausgeputzt seine passenden Pillen dabei, um artig fit zu sein. Und dann cool in die Bar oder nach Hause oder wo auch immer, schnell noch einen hoch kriegen oder richtig fett nass machen. Eine sich küssende Gemengelage, im Angesicht sexueller Identitätsmontur. Über ihn lehnt sich nun die andere Frau, streckt ihren Hintern weit nach oben, bevor sie seinen Schwanz einfädelt. Dabei schaut ihre Freundin zu, und küsst sie auf den Mund, ihr ihre Zunge tief in den Hals steckend, während er seine Gedanken ganz langsam aus dem Anus seines Freundes zieht. Gehört dazu. Gibt’s was zu erzählen. Dann, wenn du einschlafen willst, fällt dir pochend ein, was du heute/gestern/morgen vergessen hast: Macht nichts. Morgen, Mann, morgen. Und dann wieder gestern vergessen. Irgendwie feiern. Gibt’s was zu erzählen.

Doch hier von einer Krise zu sprechen, würde lediglich eine rhetorische Finte bedeuten; Midlife crisis, yo midlife crisis – why not (schließlich weiß ja niemand, wo die anfangen und wo sie aufhören soll). Denn das bedeutete nur, dass man nicht aus dieser wieder heraus kommen könnte: Burn out just in time. Die Spuren sind halt da, tief eingebrannt in die Seele, so wie die fehlenden Zähne und die vernarbten Venen bei einem langjährigen Junky – nur nicht so sichtbar. Eben das ANDERE. Tief drinnen. Kann fast keiner sehen. Doch er musste davon ausgehen, dass dies unter den veränderten Bedingungen zu einem Dauerzustand würde. Denn das Trügerische war, dass er mal für ein paar Jahre eine existenzerhaltende Stelle in der Kunstausbildung angenommen hatte. Er war da in eine Situation geraten, die er nie zuvor erfahren hatte. Dann hatten ihn viele abgeschrieben. Das ist halt so. Eine Hand wäscht die andere. Irgendwie endlich feiern. Gibt’s was zu erzählen.

Immer wenn er sich nun auf die Pirsch zu den konventionellen Kunstevents auf machen wollte – und er hatte seit seinem Begin mit der Kunst und seiner Arbeit in einer Galerie, seinen eigenen und vielen Vernissagen anderer schon etliche Events erlebt –, um einem sozialen Bedürfnis nachzukommen, spürte er eine blöderweise schwer formulierbare Niedergeschlagenheit bis, ja geradezu eine Abneigung davor. Die Ressource Interesse als Schlüssel für die ganze Story. Hier kommt die Ablösung des alten Kompetenz-Denkens – wissen, wie… und der ganze Scheiß. Kunst wird nicht lebendiger durch ihre guten Marktergebnisse, oder? Interesse ist die Mutter der Wahrnehmung, zwischen Science fiction und Kulturtheorie, dachte er, immer noch besessen von dem Gedanken, endlich, endlich ein Mittel gegen die innere Leere an der Küste gefunden, nein: formuliert zu haben: Es musste ganz bewusst formuliert werden, da half kein passives Finden.

Es mag befremdlich erscheinen, dass er gerade über Dinge nachdachte, die sonst eher keine Erwähnung finden, weil es dem Kunstbetrieb im doofsten Fall als nebensächlich, im schlimmsten Fall aber als überflüssig galt, sich über Beziehungen und den anderen Individual-Kitsch auszulassen, wenn es nicht zur unmittelbaren Imageproduktion diente. Das galt als schwächlich. Der ganze hier beschriebene Scheiß geht einem aber durch die Birne und gehört absolut zu den künstlerischen Produktionsbedingungen, auch wenn man vor allem in den großen Berliner Kunstgalerien&hallen so tut, als sei das Bockmist, solange du nicht ganz oben bist, Junge und Mädchen. Es handelt sich um verwegenen Trash, wie ich hoffe. Irgendwie. Und wenn Suizid – welch schönes Wort –, dann sind plötzlich alle so bestürzt. Schluss. Gibt’s was zu erzählen.

Natürlich kommt hier der Einwand, aber weshalb hast du das nicht adäquater formuliert? Warum kannst du das nicht mit korrekter Sprache sagen oder schreiben, so dass es möglichst vielen Interessierten zugänglich und verständlich ist – als Kritik; und: wenn du das distanzierter und geordneter formulierst, erreicht es mehr Leute und deine Argumente sind überzeugender. Aber: Im Hamsterrad irgendwie, oder.

Aber hier beginnt schon sein Widerspruch: Es ging ihm ja gar nicht darum, die Sprache an eine wie auch immer gemeinte und von wem auch immer gerade festgelegte und reglementierte Verständlichkeit anzupassen. Ihm ging es um eine möglichst verwegene Argumentation, deren limits durch etwas anderes gesetzt oder bestimmt werden sollten, die unheimliche Existenz im grauen Ganzen nämlich – das ist weniger eine beruhigende Feststellung für ihn als vielmehr eine persönliche künstlerische Herausforderung und existenzielle Baustelle. Manche glauben noch an die Erfindung, ist gerade wieder im Kommen, sage ich euch. Die große Erfindung dagegen: Der Alltag als Produktion. Jenseits des Rockzipfels der Altersvorsorge. Aber auch jenseits einer das Leben totalisierenden Ideologie. Irgendwie feiern. Ohne Rückspiegel. Wie schön.

Der Horror wäre in dieser Situation für immer fest zu hängen. Diese Angst verfolgt ihn überall im System. Schauderhafte, totale Trostlosigkeit. Macht einen verdammt krank das. An der Küste angekommen. Überall Beton. Irgendwie feiern zwischen Neon. Er ist gut dabei. An der Küste zwar. Aber am Ziel?

Stan Back, 2005

»Dieser anonyme Held ist schon sehr lange unterwegs. Er ist das Gemurmel der Gesellschaften. Zu allen Zeiten geht er den Taten voraus. Er wartet nicht mal auf sie. Er macht sich sogar über sie lustig. Indes, in den schriftlichen Darstellungen ist er im Vormarsch.«

Michel de Certeau, Kunst des Handelns (1980), Berlin 1988, 9.